von Yvonne Kraus

Ich erkannte ihn sofort, obwohl wir uns das letzte Mal vor 30 Jahren gesehen hatten: Alexander, mit dem ich damals so gut befreundet war, dass wir stets für Brüder gehalten wurden. Er sprach mich heute Morgen in der Bahn an, und natürlich erschrak ich. Er wirkte ganz anders als damals, die Stimme unsicher und stockend. Seine Augen waren unruhig, als hielte er sich davon ab, ständig hinter sich zu blicken.

Wir tauschten Belanglosigkeiten aus, als ob es nichts Wichtiges zwischen uns zu besprechen gäbe oder wir dazu später noch Gelegenheit hätten. Obwohl ich mir eine Begegnung mit Alexander viele Male vorgestellt hatte, brachte auch ich nur Nichtigkeiten zustande. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass es mir Leid tut? Es gibt Dinge, für die bittet man nicht um Verzeihung.

Wir waren acht, als wir zusammen zur Schule gingen. Nachmittags streunten wir durch die Gegend und versteckten uns vor den Cutters, die mit ihren Mofas herumfuhren und jeden terrorisierten, der ihnen in die Quere kam. Insgeheim hofften wir, eines Tages zu ihnen zu gehören. Aber noch waren wir zu jung, und die Mutprobe, die man absolvieren musste, hatte mit dem alten Gronau zu tun. Über ihn hörte man Geschichten, die wir nicht verstanden, und unsere Eltern hatten uns immer wieder vor ihm gewarnt. Also gingen wir lieber allen – Cutters, dem Gronau und natürlich unseren Eltern und Lehrern – aus dem Weg.

Alexander und ich stritten nie länger als ein paar Minuten und nie über wirklich Wichtiges. Dass wir beste Freunde waren, die nichts auseinander bringen kann, war uns auf eine Weise klar, für die man nur als Kind empfänglich ist. An diesem Tag im Juni, als ich Alexander das letzte Mal sah, war es anders. Ich hatte ein Heft in der Klasse vergessen, und Alexander wartete, während ich es holte. Als ich aus der Schule kam, sah ich ihn bei Luisa aus unserer Klasse stehen. Obwohl ich die beiden noch nie zusammen gesehen hatte, wirkten sie so vertraut, als würde Luisa und nicht ich jeden Tag mit Alexander verbringen. Luisa sah mich zuerst und schubste Alexander an, der wie ertappt zu mir hinschaute. Er flüsterte Luisa noch etwas zu, sein Mund ganz nah an ihrem Ohr, sie lachte, und er rannte auf mich zu.

„Was hast du denn mit der zu tun?“, fragte ich, ohne mir Mühe zu geben, meine Eifersucht zu verbergen. Alexander zuckte mit den Schultern. „Die ist doch ganz nett.“ Weiter sprachen wir nicht über Luisa, aber ich spürte, dass sich zwischen uns etwas geändert hatte. Dass sich Alexander offensichtlich mit Luisa angefreundet hatte, ohne mir davon zu erzählen, war schlimm genug. Dass er es mir nicht mal erklären wollte, degradierte mich vom besten Freund zum Schulkameraden.

Wir gingen schweigend und in uns gekehrt, und ein bisschen war ich sogar froh, als das Knattern der Cutters-Mofas uns aus unserer Stille riss. Schon von Weitem hörten wir sie hinter uns rufen: „Hey, wer von euch kommt mit zum Gronau?“ Normalerweise wären wir sofort abgehauen, aber vor Ärger und Sturheit unvorsichtig geworden, blieb ich stehen und drehte mich zu ihnen um. Alexander zog an meinem Ärmel, schaute mich bittend an, aber ich zuckte nur mit den Schultern.

Als die Mofa-Bande näher kam, verlor jedoch auch ich den Mut. Es waren vier, sie waren größer und stärker als wir, und was auch immer sie wollten, Alexander und ich würden sie nicht davon abhalten können. Als sie uns schon bedrohlich nah waren, rannte ich los, kurz darauf auch Alexander hinter mir, ein letzter, sinnloser Versuch wegzukommen. Schon hatte einer der vier uns den Weg abgeschnitten. „Hey, hey!“ rief er. „Nicht so schnell. Einer von euch kommt mit.“ Seine Freunde hatten mittlerweile aufgeschlossen und wir waren von Mofas umzingelt. „Nimm den Hübscheren“, rief ein Zweiter und zeigte auf Alexander. Wieder durchzuckte mich die Eifersucht, obwohl ich instinktiv wusste, dass es besser war, wenn die Wahl nicht auf mich fiel. „Der andere wird uns verpfeifen“, rief der Erste. „Nein, das wird er nicht“, sagte ein Dritter. „Oder?“ Er schaute mich an. „Guck mal, ich geb dir einen Apfel, wenn du mir versprichst, dass du die Klappe hältst.“ Ich zögerte einen Moment, blickte verstohlen zu meinem Freund. Alexander sah mich an, und sein Blick hatte eine Härte, zu der der erwachsene Mann, dem ich heute in der Bahn begegnet bin, nicht mehr fähig wäre. Er wusste vor mir, wie ich mich entscheiden würde. Ich war wütend. Ich war eifersüchtig. Ich fand, er hatte einen Denkzettel verdient. Ich nahm den Apfel.

Ich würde gerne sagen, dass ich nicht wusste, was da passierte. Doch auch, wenn ich es nicht benennen konnte, ahnte  ich, dass es nicht richtig war. Während ich den Apfel aß, nahm der erste Mofa-Fahrer Alexander, und schneller als sie gekommen waren, waren die Cutters verschwunden.

Am nächsten Tag kam Alexander nicht in die Schule. Er kam nie wieder. Das letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er weggezogen war. Man sprach nicht mit mir darüber. Ich fragte nicht danach. Irgendwann starb der alte Gronau, die Cutters lösten sich auf, irgendwann wurde ich mit der Schule fertig, doch mit Alexander fertig wurde ich nie.

Ich wünschte, ich hätte mich heute bei ihm entschuldigt. Doch es gibt Dinge, für die bittet man nicht um Verzeihung.

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