Was wäre Das Schweigen der Lämmer ohne Hannibal Lecter? The Dark Knight ohne den Joker? Oder Shining ohne Jack Torrance? Richtig, das alles wäre ziemlich langweilig. Denn auch, wenn wir als Leser uns mit einem echten Helden identifizieren wollen, sind die Antagonisten doch diejenigen, die einer Geschichte erst die richtige Würze verleihen.

Richtig „gute“ Gegenspieler bleiben einem nach dem Lesen (oder Sehen) noch lange im Gedächtnis. Sie treiben deine Geschichte voran und machen es deiner Hauptfigur so schwer, dass sie über sich selbst hinauswachsen muss. Doch wie kannst du einen Antagonisten erschaffen, den man nicht vergisst? Natürlich sollte dein Antagonist (oder deine Antagonistin) dazu einzigartig sein und keine Kopie eines bekannten Bösewichts. Vor allem solltest du die Finge von Stereotypen lassen. Wenn du ein paar Regeln beachtest, gelingt dir das mit Sicherheit.

5 Tipps, um den perfekten Antagonisten zu entwerfen

Tipp 1: Dein Antagonist muss überzeugt davon sein, dass er im Recht ist.

Es gibt nur wenige Menschen, die sich selbst für einen schlechten Menschen halten. Ein spannender Antagonist tut das ganz bestimmt nicht. Er wird umso furchteinflößender und gefährlicher, je mehr er sich im Recht fühlt. Also sollte er/sie genau das. Und dafür braucht er ein anderes Weltbild als deine Hauptfigur. Dein Antagonist wird dieses Weltbild nicht nur für richtiger, sondern auch für weiter entwickelt halten. Er wird also glauben, dass er mehr weiß als alle anderen, und dass ihm dies das Recht gibt, sich über gesellschaftliche Normen gesetzlicher und moralischer Art hinweg zu setzen.

Der Joker aus Batman – The Dark Knight ist ein gutes Beispiel hierfür. Er glaubt, dass er die Gesellschaft durchschaut hat und dass am Ende immer das Schlechte im Menschen siegt. Er will den Menschen ihr eigenes, schlechtes Innerstes zeigen. Weil er nicht glaubt, dass es etwas Gutes im Menschen gibt, fühlt er sich im Recht, wenn er stiehlt, tötet und Plots schmiedet.

Tipp 2: Zeige die Hintergründe und Motivation deines Antagonisten.

Figuren, deren Beweggründe man verstehen kann, wirken realistisch und lebensnah. Ein Gegenspieler, der einfach nur „böse“ ist und sich gegen deinen Helden stellt, wird schnell langweilig wirken. Wenn man aber versteht, woher der Antagonist kommt und was ihn antreibt, werden seine Handlungen zwar vielleicht nicht besser, aber nachvollziehbarer. Und deine Leser werden glauben, dass dieser Antagonist echt sein könnte.

Nehmen wir an, deine Hauptfigur sieht sich einer Gegenspielerin gegenüber, die ihn töten will. Deine Leser werden wissen wollen, warum sie das will. Sie wollen die Motivation wissen, und diese Motivation muss stark sein. Beispielsweise könnte die Freundin deines Helden den Sohn der Antagonistin in einem Unfall getötet haben, wodurch diese komplett aus der Bahn geworfen wurde. Treibende Kraft all ihrer Taten wird der Verlust ihres Kindes sein.

Das Tolle daran, die Motivation zu zeigen, ist, dass du dadurch automatisch eine realistischere Figur entwickelst, denn dein Antagonist erhält damit ein Stück Lebensgeschichte, das ihn authentischer wirken lässt.

Tipp 3: Dein Antagonist braucht auch Eigenschaften, mit denen der Leser sich identifizieren kann.

Nur böse ist genau so langweilig wie nur gut. Ein glaubwürdiger Antagonist hat auch gute Eigenschaften, mit denen sich dein Leser identifizieren kann. Figuren, die Leser nicht vergessen, sind nämlich vielschichtig und nicht leicht in eine Schublade zu stecken – eben genau so wie echte Menschen.

Wenn deine Leser sich zumindest ein bisschen mit deinem Antagonisten identifizieren können, hatdies außerdem zur Folge, dass es nicht so leicht wird, Partei für den Helden zu ergreifen. Als Schriftsteller wollen wir unsere Leser ja emotional einbeziehen, und dazu gehört, dass sie nicht auf jeder Seite denken „Ja, genau, ist ja klar.“ Dein Held soll Zweifel haben, wenn er sich gegen den Antagonisten zur Wehr setzt, und auch dein Leser soll diese Zweifel nachfühlen können.

Hannibal Lecter beispielsweise ist böse und völlig jeglicher gesellschaftlicher Konvention entrückt. Aber er hilft Clarice Starling und rettet dadurch auch ein Menschenleben. Außerdem hat er einen genialen Verstand, um den ihn jeder Polizist beneidet. Auch, wenn er sich bestialisch verhält, kann man ihn nicht immer nur als Bestie sehen – und man gönnt ihm am Ende seine Flucht.

Tipp 4: Dein Antagonist muss eine Person sein.

Ob dein Antagonist männlich oder weiblich ist, kommt auf deine Geschichte an. Wenn du Science Fiction oder Fantasy schreibst, muss dein Bösewicht nicht mal ein Mensch sein. Er sollte aber immer eine Person sein. Ein Staat, ein Konzern oder eine Organisation eignen sich denkbar schlecht als Antagonist, auch wenn es viele Romane gibt, in denen genau dies der Fall ist.

Der böse Industrie-Konzern, der Geheimdienst oder der korrupte Staat bringen natürlich ein paar Dinge mit, die sie eigentlich als Antagonisten prädestinieren. Zunächst mal haben sie Macht. Darüber hinaus machen undurchsichtige Strukturen es deinem Helden schwer, gegen sie anzutreten. Genau das macht ab einem bestimmten Punkt den Kampf zwischen Held und Organisation auch uninteressant. Eine Organisation hat keine Charaktereigenschaften, keine Persönlichkeit, die man als Leser nachvollziehen kann. Eine Person dagegen ist viel greifbarer und auch angreifbarer. Dein Held braucht quasi einen negativen Spiegel, gegen den er kämpfen kann.

Möglich ist natürlich, dass du eine Person, die eine Organisation vertritt und auf sie zurückgreifen kann, zum Antagonisten machst. Zu dieser kann dein Leser dann viel einfacher Emotionen entwickeln als zur Organisation selbst.

Tipp 5: Dein Antagonist muss ein würdiger Gegner für deinen Helden sein.

Wenn du Spannung erzeugen und deine Geschichte durch deine Figuren vorantreiben lassen willst, sollten Held und Anti-Held sich auf Augenhöhe begegnen. Ein Antagonist, der deiner Hauptfigur körperlich und/oder geistig unterlegen ist, wird deine Leser langweilen, denn er wird deinen Helden vor keine schwierigen Aufgaben stellen. Für Sherlock Holmes gibt es keinen besseren Gegner als Moriarty, denn auch dieser ist überdurchschnittlich intelligent und hat beinahe alles mit dem Meister-Detektiv gemein – abgesehen von moralischen Standards und der eigenen Motivation.

Zwei gleich starke Gegner, die sich gegenseitig von der Erreichung ihrer jeweiligen Ziele abhalten können, versprechen einen interessanten Kampf. Und nur, wenn deine Hauptfigur deinen Antagonisten nicht gleich in der „ersten Runde“ besiegt, kann dieser Kampf sich immer weiter steigern und zuspitzen. Und das ist es, was eine spannende Geschichte ausmacht.

Ich hoffe, diese Tipps helfen dir, noch „bessere“ Bösewichte zu erschaffen.

Dieser Artikel ist Teil meiner 6-teiligen Reihe Figurenentwicklung. Wahrscheinlich gefallen dir auch die anderen Teile:

Wie entwickelst du deine Antagonisten?

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