In meiner sechsteiligen Reihe Über Emotionen schreiben stelle ich dir vor, warum Emotionen in Geschichten so wichtig sind. Außerdem zeige ich dir, wie du sie so einfließen lassen kannst, dass deine Leser davon mitgerissen werden. Heute will ich dir erklären, wie vielfältig Emotionen sein können. Denn es geht nicht immer nur um Glück und Unglück. Dazwischen und daneben gibt es eine große Bandbreite an Emotionen.

Welche Emotionen gibt es?

Wenn du recherchierst, welche Emotionen es gibt, wirst du keine genauen Antworten finden. Das liegt auch dran, dass wir viele unserer Emotionen nicht eindeutig benennen können, sondern sie einfach nur durchleben oder „erdulden“. Klar ist, dass Gefühle unser aller Leben in großem Maße bestimmen und dass wir oft emotional Dinge erfassen, die wir rational noch gar nicht einordnen können.

Es gibt unterschiedliche Theorien dazu, was eine eigene Emotion ist, was eine Abwandlung einer anderen Emotion und wie viele es in Summe überhaupt gibt. Psychologen versuchen daher, über Studien herauszufinden, wie zum Beispiel unterschiedliche Gesichtsausdrücke von verschiedenen Versuchspersonen wahrgenommen werden. So werden Emotionen identifiziert, die von Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft gleich interpretiert werden.

Reduziert man alle möglichen Gefühle auf zugrunde liegende Basis-Emotionen, so kommt man auf vier: Freude, Traurigkeit, Angst und Wut. (Anmerkung: Manche Psychologen ergänzen noch Überraschung und Ekel. Beide können aber auch Angst und Wut zugeordnet werden.) Viele der Emotionen, die wir kennen, lassen sich diesen vier Gefühlen zuordnen: Nervosität kann zur Angst zählen, Enttäuschung zur Traurigkeit, Liebe zu Freude etc.

Andere Psychologen sprechen daher auch von einem „Rad“ an Emotionen, in dem zwischen diesen vier Polen – Freude, Traurigkeit, Angst, Wut – Schattierungen und Mischungen dieser Gefühle liegen, ähnlich wie bei einem Farbenkreis.

Wenn wir uns täglich beobachten, ist die Bandbreite an Emotionen, die wir empfinden, nämlich deutlich größer als nur vier. Manchmal fühlt man sich ein bisschen bedrückt, würde aber nicht sagen, dass man wirklich traurig ist. Oder man ist furchtbar genervt, aber zur Wut reicht es dann doch nicht. Diese Schattierungen kennt jeder von uns, und so ist es auch wichtig, dass du sie in deine Geschichten einbaust. Die vier Basis-Emotionen helfen dir jedoch dabei, die Gefühle, die du beschreibst, für deine Charaktere zu verorten. Melancholie, Liebeskummer und Enttäuschung lassen sich beispielsweise der Basis-Emotion Traurigkeit zuordnen und lösen entsprechend ähnliche Verhaltensweisen aus. Von außen (zum Beispiel am Gesichtsausdruck) sind sie nicht leicht voneinander zu unterscheiden. Und doch sind sie für denjenigen, er sie empfindet, grundverschieden.

Wie vielfältig Emotionen sein können, kannst du zum Beispiel auch daran erkennen, dass es in nahezu jeder Sprache einzigartige Worte für Gefühle gibt, die andere Sprachen nicht kennen. „Sehnsucht“ gibt es in der Form nur im Deutschen. Hier ist ein interessanter Artikel zu dem Thema: http://www.bbc.com/future/story/20170126-the-untranslatable-emotions-you-never-knew-you-had.

Warum ist eine große Bandbreite an Emotionen wichtig für deine Geschichte?

Jede Geschichte lebt von Spannung und vom Wandel deiner Figuren. Dieser Wandel zeigt sich einerseits durch geänderte Handlungen. Andererseits ändern sich aber auch die Empfindungen deiner Figuren durch die Geschichte hinweg. Und je vielfältiger und unterschiedlicher diese sind, desto spannender und fesselnder wird auch deine Erzählung. Nur himmelhochjauchzend und zum Tode betrübt führt zum einen leicht dazu, kitschig zu werden. Zum anderen ist es so, als würdest du nur mit schwarz und weiß malen und nicht einmal Grautöne zulassen, geschweige denn die gesamte Farbpalette heranziehen.

Wenn du dagegen mit Nuancen und Schattierungen von Emotionen arbeitest, machst du es deinem Leser leichter, sich mit deiner Geschichte zu identifizieren. Denn sie wird glaubwürdiger (niemand ist immer nur sofort auf 180, wenn ihn etwas ärgert, manchmal gähnt man auch nur müde) und sie bietet mehr Möglichkeiten, sich selbst wieder zu erkennen. Denn auch, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, erleben wir jeden Tag eine wahre Achterbahn an Gefühlen, die sich minütlich, manchmal sogar sekündlich wechseln können.

Wie du Emotionen bestimmen kannst

Du weißt jetzt schon mal, dass es vier Basis-Emotionen und nahezu unzählige weitere Ausprägungen von Emotionen gibt, und dass du deine Geschichten nicht auf die Basis-Emotionen beschränken sollst. Gerade die verschiedenen Nuancen sind wichtig, um realistisch und spannend zu bleiben.

Aber wo findest du diese Emotionen jetzt? Ich habe dir in meiner Schreib-Bibliothek eine praktische Liste mit insgesamt 200 verschiedenen Emotionen (je 100 positive und negative) zusammengestellt, die dir dabei helfen kann, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was möglich ist. Übernimm diese Emotionen einfach direkt oder lasse dich von ihnen inspirieren – denn bei 200 ist längst noch nicht Schluss.

Außerdem kann ich dieses Coaching-Tool empfehlen: Gefühlsfinder für Therapie und Coaching (2017) – Gefühle finden und benennen – sich selbst verstehen und verstanden werden – Mit über 100 Gefühlsbegriffen. Coaching-Tools eignen sich sowieso hervorragend, um das eigene Schreiben zu unterstützen, denn die Dinge, die man sucht, sind beim Coaching und beim Schreiben dieselben. Im Grunde „coachst“ du deine Figuren – und lernst sie so besser kennen. Dieser Gefühlsfinder arbeitet auch mit Basisgefühlen und kann Emotionen anhand einfacher Fragen gut einordnen und erklären. Dies kannst du nutzen, wenn du bestimmen willst, wie eine Figur sich in einer bestimmten Situation fühlt – und wie es dazu gekommen ist.

Eine weitere Möglichkeit, viele Emotionen zu identifizieren und außerdem deinen Blick dafür zu schärfen, besteht darin, über einen kurzen Zeitraum ein sogenanntes Emotionstagebuch zu führen. Dazu benötigst du nur ein Heft oder einen Block und einen Stift, die du den ganzen Tag bei dir hast. Regelmäßig trägst du nun ein, wie du dich gerade fühlst, am besten als Adjektiv, indem du den Satz „Ich fühle mich gerade…“ ergänzt. Entweder machst du das immer dann, wenn dir ein Gefühl auffällt, oder du stellst dir einen regelmäßigen Timer, sodass du alle 15 der 30 Minuten einmal notierst, wie du dich gerade fühlst. Schon nach einem Tag wirst du eine gute Auswahl für deine nächsten Geschichten haben.

Ich hoffe, dieser Artikel hat dir geholfen, eine größere Bandbreite an Emotionen in deine Geschichten einfließen zu lassen.

Wie hältst du es mit den Emotionen? Welchen Stellenwert haben sie in deinen Geschichten? Hinterlasse gerne einen Kommentar!

Dieser Artikel ist Teil meiner Reihe Über Emotionen schreiben. Mehr über dieses Thema findest du auch hier:

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