Wer in seinen Romanen authentische Dialoge verwenden will, muss verstehen, wie seine Hauptfiguren sprechen. Wenn deine Hauptfigur ein Arzt ist, solltest du dir medizinische Fachbegriffe aneignen und genau wissen, wann ein Arzt diese einsetzt. Wenn du eine Geschichte um eine Französin herum aufbaust, die nicht fließend Deutsch spricht, musst du sie entsprechend reden lassen. Und wenn du einen Roman über Jugendliche schreibst, musst du Dialoge in Jugendsprache schreiben.

Über Jugendliche schreibt man entweder in Jugendbüchern oder in Coming-of-Age- bzw. Entwicklungsromanen. Die Definitionen von Coming-of-Age- und Entwicklungsroman unterscheiden sich. Gemeint sind hier in beiden Fällen Romane über das Erwachsenenwerden. Und gerade die sind momentan sehr in Mode.

Vor allem sehr viele Jugend-Dystopien sind beides: Romane für Jugendliche und Romane über das Erwachsenwerden. Wenn du einen solchen Roman planst, gehst du aktuell sehr mit der Zeit. Um deine Hauptfiguren authentisch wirken zu lassen, musst du dich in diesem Fall mit ihrer Sprache auseinandersetzen.

Dabei kannst du einiges falsch machen. Stell dir vor, dein Arzt spricht nur in lateinischen Fachbegriffen, auch dann, wenn er mit Patienten spricht. So lange das kein Spleen deiner Hauptfigur ist, wirkt es unglaubwürdig. Denn deine Leser werden sicher schon mal mit einem Arzt in Berührung gekommen sein und deine Figur mit ihrer Lebenswirklichkeit vergleichen. Wenn du ein wandelndes Fachlexikon entworfen hast, werden sich deine Leser gelangweilt abwenden.

Noch schlimmer: Nimm an, deine Französin sagt Sätze wie: „Ohlala, isch abe kein nung, wo isch müss ingä-en. Zut alors!“. So etwas ist gelinde gesagt eine Zumutung. Warum ist das so? Weil der Satz völlig übertrieben ist. Selbst, wenn es Französinnen gibt, die wirklich so sprechen, ist das geballte Ansammeln und Sprach-Eigenheiten zu viel des Guten. Was du erreichen willst, ist, dass deine Leserschaft deine Figuren für glaubhaft hält. Dazu zählt auch ihre Sprache. Wenn du deine Leser ernst nimmst, vermeidest du aber, deine Figuren wie Karikaturen sprechen zu lassen – es sei denn, genau das ist der Effekt, den du erzielen möchtest. Grundsätzlich gilt bei Sprach-Eigenheiten: Dezenter ist besser.

In Jugendsprache schreiben: Die 3 schlimmsten Fehler

Jugendsprache authentisch zu verwenden ist besonders schwierig, da Jugendsprache wie eine Ansammlung vieler verschiedener Dialekte ist. Es gibt Forschung zu Jugendsprache, und die hat herausgefunden, dass Jugendliche multilingual unterwegs sind. Sie sprechen mit ihren Eltern anders als mit ihren Lehrern und als mit ihren Mitschülern.

Natürlich unterscheiden wir alle auch im Erwachsenenalter noch unsere Sprachwahl je nach Zielgruppe, aber das Spektrum der verschiedenen Begriffe ist bei Jugendlichen deutlich breiter. Und es unterscheidet sich nicht nur nach Regionen, sondern schon nach Peer Group. Insofern kann Jugendsprache komplett einzigartig sein für einen Freundeskreis von ein paar Jugendlichen.

Da es also nicht einfach „die Jugendsprache“ gibt, machen viele Autoren gravierende Fehler, wenn sie Jugendsprache verwenden. Dadurch wirkt die Sprache überzogen und künstlich. Damit dir diese Fehler nicht passieren, habe ich dir die drei schlimmsten aufgelistet.

Fehler 1: Bemüht coole Begriffe

In einem sehr bekannten Online-Magazin wurde vor ein paar Jahren eine Top 10-Liste der besten jugendsprachlichen Begriffe verwendet. Mein persönliches Highlight in dieser Liste war der Begriff „Berater-Pommes“ für Sushi. In der unmittelbaren Lebensumwelt der Jugendlichen, die ich kenne, spielen weder Berater noch Sushi eine große Rolle. Allein daran erkennt man, dass dieser Begriff von Erwachsenen für Erwachsene erfunden wurde.

Mach so was bloß nicht. Wenn du deine jugendlichen Helden Sätze sagen lässt wie „Komm, lass ma paar Berater-Pommes essen gehen“, nimmt dir niemand mehr diese Figuren ab. Das ist bemüht cool und überhaupt nicht authentisch. Leider finden sich gerade solche erfundenen, pseudo-coolen Wörter sehr häufig in erfundener Jugendsprache. Wenn diese Art zu sprechen nicht eine besondere Eigenschaft deiner Figur ist, lass so etwas lieber weg.

Fehler 2: In Jugendsprache schreiben, wenn nicht der Jugendliche spricht

Wenn du dir gerade dein Gerüst für deine Jugendsprache aufgebaut hast, geht vielleicht die Kreativität mit dir durch. Du willst in Jugendsprache schreiben und tust dies überall und durch den gesamten Roman hinweg. Das ist ein großer Fehler. Denn nur die Jugendlichen dürfen in Jugendsprache sprechen, alles andere wirkt unecht.

Wenn du aus der Ich-Perspektive schreibst, wirst du natürlich überall in der Erzählung Jugendsprache verwenden. Wenn du in der 3. Person erzählst, darfst du Jugendsprache nur in Dialogen unter Jugendlichen anwenden. Wenn deine Hauptfigur statt „Fahrrad“ „Bike“ sagt, kannst du ihn fragen lassen „Hast du mein Bike gesehen?“. Du kannst aber nicht außerhalb von Dialogen Sätze schreiben wie: „Matthias suchte sein Bike in der ganzen Straße.“ Wenn du erzählst, wird aus dem Bike wieder ein Fahrrad.

Fehler 3: Unmögliche Spitznamen

Sehr beliebt in Jugendreihen sind Spitznamen. Denn klar, die hatten wir ja alle als Jugendliche. Ich weiß nicht, wie das bei dir war, aber in meiner Klasse gab es keine Kretze, Ratte, Bohrer oder ähnliche. Die Spitznamen beliefen sich in den meisten Fällen auf Verkürzungen des Vornamens wie Micky, Alex oder Matthi.

Hin und wieder gab es Freunde, die durch eine witzige Geschichte einen besonderen Spitznamen hatten, der nichts mit ihrem Namen zu tun hatte. Davon solltest du in deinem Roman aber maximal einen haben. Und die Herkunft des Spitznamens solltest du genau erklären, damit dein Publikum dich nicht verlässt.

5 Tipps, wie du authentisch in Jugendsprache schreiben kannst

Nachdem ich dir nun erzählt habe, was du auf keinen Fall machen sollst, gebe ich dir nun natürlich noch Tipps, wie du dafür sorgen kannst, dass deine Jugendlichen sich auch anhören wie solche.

Tipp 1: Weniger ist mehr

Streue nur hin und wieder jugendsprachliche Ausdrücke ein. Wenn dein Jugendlicher zu 90% „normal“ spricht, fällt das überhaupt nicht auf. Wenn er zu 90% jugendsprachliche Begriffe verwendet, wird er deine Leser wahnsinnig nerven. Achte daher darauf, dass du die Sprache mit jugendlichen Ausdrücken so würzt wie ein Essen mit Salz. Zu viel verdirbt es. Maximal 10% Jugendsprache ist ein guter Richtwert.

Tipp 2: Lass den Helden eine Hand voll typischer Wörter immer wiederholen

Ein Roman, in dem die Jugendsprache herrlich dezent und trotzdem gut spürbar verwendet wurde, ist Tschick von Wolfgang Herrndorf. Wenn du dich ernsthaft damit beschäftigst, wie du gut in Jugendsprache schreiben kannst, solltest du diesen Roman auf jeden Fall lesen und dabei darauf achten, wo du jugendsprachliche Elemente feststellst.

Eine Methode, die Herrndorf verwendet, ist, dass er seine Hauptfigur Maik ein paar Wörter häufiger wiederholen lässt. Eins davon ist „logisch“, und Maik nutzt es in verschiedenen Varianten (z.B.: „Da hatte er logisch Recht.“). Überlege dir ein einfaches Wort, dass deine Hauptfigur gerne benutzt und lasse es immer wieder einfließen. Besonders gut eignen sich Adjektive wie super, klasse, mega oder ähnliches. Natürlich gilt auch hier Tipp 1.

Tipp 3: Verstoße gegen grammatikalische Regeln

Jugendliche verstoßen oft und gerne gegen grammatikalische Regeln. Ellipsen zum Beispiel bzw. Satzverkürzungen sind typisch für Jugendsprache. „Kann ich mal den Ketchup?“ oder „Bin zu spät gekommen.“ sind unaufdringlich und trotzdem typisch jugendlich.

Auch der falsche Einsatz der verschiedenen Zeiten kann deine Sprache wie Jugendsprache wirken lassen. Das Plusquamperfekt als Ersatz zum Perfekt ist beispielsweise auch eine Möglichkeit, in Jugendsprache zu schreiben. „Das hatte ich gestern gekauft“ ohne einen weiteren Bezug auf etwas, was danach geschieht, ist eine für Jugendliche (und manche Dialekte) typische Art der Formulierung.

Tipp 4: Streue hin und wieder einen Anglizismus ein

Anglizismen haben sowohl in der Wirtschaftswelt als auch bei Jugendlichen sehr starken Einfluss auf die Sprache. Da Jugendliche häufig englischsprachige Musik hören und im Internet vieles auf Englisch lesen oder sehen, kannst du getrost hin und wieder Anglizismen einstreuen. Wichtig ist dabei, dass du Begriffe nimmst, die schon Einzug in die Alltagssprache genommen haben.

Gute Beispiele sind die Begriffe aus der Alltagswelt von Jugendlichen, wie „cool“ oder auch Bezeichnungen für Kleidungsstücke (Sneakers, Hoodie). Auch hier gilt: Bloß nicht übertreiben! Wenn deine Figur plötzlich zu ihren friends geht, um dort zu relaxen, werden deine Leser wahrscheinlich die Augen verdrehen.

Tipp 5: Achte nicht nur darauf, wie Jugendliche sprechen, sondern auch, was sie sagen

Um in Jugendsprache schreiben zu können, muss man natürlich auch wissen, was Jugendliche sagen. Dafür solltest du dir vergegenwärtigen, wie es ist, erwachsen zu werden. Überbordendes Selbstbewusstsein und erschütternde Unsicherheit wechseln sich ab oder treten sogar gleichzeitig auf.

Deine jugendliche Hauptfigur sollte also, um jugendliches Verhalten widerzuspiegeln, öfter sehr selbstsicher Dinge behaupten, die falsch sind, und Sachen hinterfragen, die eigentlich selbstverständlich sind. Beides sind sehr typische Zeichen des Erwachsenwerdens, und wenn deine Figur sehr selbstbewusst behauptet, dass der Mars aus Gas besteht, wissen deine Leser sehr schnell, wie alt sie ist.

Dies waren meine Ratschläge zum Thema „Jugendsprache schreiben“. Wenn du diese Tipps beachtest, werden deine jugendlichen Helden in Zukunft noch glaubhafter.

Worauf legst du besonders Wert, wenn du in Jugendsprache schreiben willst?

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