Eine Mahlzeit besteht nicht nur aus einer Zutat, und ein Roman ist nicht nur die Geschichte einer einzelnen Figur. Leider vergessen das manche Autoren, stecken viel Zeit und Liebe in ihre Hauptfigur und skizzieren die Nebenfiguren nur acht- und lieblos. Dadurch verschenken sie nicht nur jede Menge Potenzial – eine tolle Nebenfigur kann einem noch genau so lange im Gedächtnis bleiben wie eine realistische Hauptfigur -, sie nehmen dem ganzen Roman auch etwas von seiner Qualität. Denn Leser und Leserinnen merken, wenn Nebenfiguren nur Füllmaterial sind, und verlieren an ihnen und damit auch am Roman schnell das Interesse.

Damit dir dies nicht passiert, habe ich dir ein paar Tipps zusammengestellt, wie du unvergessliche Nebenfiguren erschaffen kannst. Denn was wäre Harry Potter ohne Hagrid oder Sherlock Holmes ohne Mrs. Hudson? Solchen Figuren wird der deutsche Begriff „Nebenfiguren“ gar nicht gerecht, und der englische „supporting characters“ passt viel besser. Denn das ist es, was diese Figuren tun: Sie unterstützen den Protagonisten.

7 Tipps für unvergessliche Nebenfiguren

Tipp 1: Weniger ist mehr

Der (scheinbar) einfachste Tipp zuerst: Gib deiner Geschichte lieber weniger Nebenfiguren, nimm dir dafür aber für jede einzelne ausreichend Zeit. Wenn dein Roman von unzähligen Personen bevölkert ist, die kurz auftauchen und dann wieder verschwinden, werden deine Leser sich an keine einzige von ihnen erinnern.

Denke mal über eine Episode aus deinem eigenen Leben (zum Beispiel deine Schulzeit) nach, die du für erzählenswert hältst. Wie viele Personen spielen darin eine so wichtige Rolle, dass dein Zuhörer mehr über sie wissen muss? Wahrscheinlich sind das gar nicht so viele. Deine Eltern, zwei oder drei Freunde, ein besonderer Lehrer vielleicht. Mehr „Personal“ braucht dein Roman auch nicht. Wer keinen Einfluss auf die Geschichte hat, muss leider draußen bleiben.

Tipp 2: Gestalte deine Nebenfiguren mehrdimensional

All deine Figuren bewegen die Geschichte in die eine oder andere Richtung – wenn du Tipp 1 befolgst. Das bedeutet, entweder unterstützen sie deinen Protagonisten oder sie stehen ihm im Weg. Für Nebenfiguren gilt dabei das Gleiche wie für Protagonisten, Antagonisten und echte Menschen: Niemand ist eindimensional. Jeder hat gute und schlechte Eigenschaften. Das gilt natürlich auch für deine Nebenfiguren. Selbst der beste Freund deiner Hauptfigur braucht ein paar Schwächen, um realistisch zu wirken und deinen Lesern in Erinnerung zu bleiben.

Lass auch deine kleineren Rollen zweifeln, mal einen Fehler begehen oder sich impulsiv verhalten. Das macht sie authentisch. Und authentische Figuren vergisst man nicht so leicht.

Tipp 3: Lass deine Nebenfiguren eigene Ziele verfolgen

Klar, du bringst deine Nebenfiguren in deine Geschichte ein, damit sie deinen Protagonisten unterstützen. Dies sollten sie aber nicht aus denselben Motiven tun wie deine Hauptfigur. Auch deine „zweite Reihe“ braucht eigene Ziele und ein eigenes Leben. Vielleicht möchte dein Held den Mount Everest besteigen, weil er es seiner verstorbenen Mutter, die es selbst nicht mehr tun konnte, versprochen hat. Dein bester Freund unterstützt ihn dabei. Allerdings ist ihm das Versprechen nicht so wichtig wie deiner Hauptfigur. Stattdessen möchte er vielleicht selbst dabei sein, um seine Angebetete zu beeindrucken.

Dass beide Charaktere dasselbe aus unterschiedlichen Motiven heraus tun, wird sie vielleicht an bestimmten Punkten der Geschichte die Dinge unterschiedlich sehen lassen – und das macht deine Story und auch deine Figuren noch interessanter.

Tipp 4: Gib ihnen eine Besonderheit

Wenn du unvergessliche Charaktere erschaffen willst, gib ihnen etwas, an das man sich erinnert. Vielleicht hat die Tochter deiner Protagonistin ein fotografisches Gedächtnis und korrigiert ihre Mitmenschen ständig. Oder der Lehrer deiner Hauptfigur kommt immer zu spät, weil seine Uhr immer stehenbleibt.

Solche kleinen Besonderheiten oder Eigenheiten machen deine Figuren liebenswert und damit unvergesslich. Du solltest dies jedoch nicht auf die Spitze treiben und einfach jeder Figur einen komischen Akzent, eine Phobie oder einen seltsamen Sammel-Tick mitgeben. Es geht vielmehr darum, das Besondere in deinen Figuren zu erkennen und zu benennen – so, wie man es bei Menschen kann, die man sehr gut kennt.

Tipp 5: Gib dir Mühe mit ihren Namen

Viele Autoren nehmen sich sehr viel Zeit, ihre Hauptfiguren zu benennen, und erfinden klangvolle, einprägsame und zur Figur passende Namen. Die Nebenfiguren heißen dann Lisa Müller und Thomas Berg. Weil’s so schön einfach ist. Die Sache hat nur ein Problem. Wenn man sich den Namen nicht merken kann, kann man sich die Figur erst recht nicht merken.

Deine Nebenfigur hat natürlich deutlich weniger „Auftritte“ als deine Hauptfigur. Wenn etwas Zeit zwischen zwei Szenen mit ihr vergeht und du einen beliebigen, nicht einprägsamen Namen nennst, werden deine Leser sich fragen, wer das jetzt noch mal war. Ich persönlich ärgere mich extrem, wenn ich beim ganzen Personal eines Romans nicht mehr durchblicke. Das macht das Lesen unnötig kompliziert. Also: Einprägsame Namen für alle!

Tipp 6: Lass deine Nebenfiguren miteinander interagieren

Natürlich hat jede deiner Nebenfiguren eine Beziehung zu deiner Hauptfigur. Sie mögen sich oder können sich nicht leiden, helfen einander oder gehen sich auf die Nerven. Das gleiche sollte aber auch für die Neben-Charaktere untereinander gelten. Vielleicht hat dein Protagonist einen sehr guten Freund, den die Frau deiner Hauptfigur nicht ausstehen kann. Oder die Mutter deines Helden findet den von ihm gehassten Mathe-Lehrer eigentlich ganz nett.

Solche Beziehungen machen dein Ensemble spannender und sie sind außerdem realistisch. Wer hat schon nur Beziehungen zu Personen, die sich untereinander sehr gut verstehen?

Tipp 7: Gib ihnen einen Moment, in denen sie glänzen können

Wenn du unvergessliche Nebenfiguren erschaffen willst, mache sie in einer Szene oder auch nur in einem Moment zur Hauptfigur. Denn das haben sie verdient. Sie unterstützen deinen Protagonisten und stehen dabei oft etwas zurück, damit er den ganzen Ruhm einstreichen kann. Aber zumindest einmal in deinem Roman solltest du ihnen den Vortritt lassen.

Ein schönes Beispiel hierfür ist der Moment in Harry Potter und der Stein der Weisen, als Neville Longbottom, der bis zu diesem Zeitpunkt vor allem durch seine Vergesslichkeit auffällt, aufgrund seiner Tapferkeit den Hauspokal für Gryffindor gewinnt – und nicht etwa Harry, Hermine und Ron.

Dieser Artikel ist Teil meiner 6-teiligen Reihe Figurenentwicklung. Wahrscheinlich gefallen dir auch die anderen Teile:

Haben dir diese Tipps geholfen? Und wie gehst du selbst vor, wenn du Nebenfiguren entwickelst?

 

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