In meiner Artikelreihe zum Thema über Emotionen schreiben zeige ich dir in insgesamt sechs Teilen, warum Emotionen so wichtig für deine Geschichte sind und wie du sie gut einbringen kannst. Wahrscheinlich hast du schon einmal gehört, dass Autoren Dinge eher zeigen statt sagen sollen. Für Emotionen gilt dies in besonderer Weise. Was damit gemeint ist und wie es funktioniert, erkläre ich dir heute.

Warum man gerade Emotionen zeigen statt sagen soll

Die meisten von uns haben als Kinder gelernt, dass man seine Gefühle kontrollieren muss und sie nicht ständig offen zeigt. Jeder, der sich als Kind mal im Supermarkt auf den Boden geworfen hat, weil er echt sauer war, dass er nichts von den tollen Süßigkeiten an der Kasse bekommen hat, weiß, wovon ich spreche. Emotionen nicht zu jeder Gelegenheit ungefiltert und ungebremst herauszulassen, hat absolut seine Berechtigung. Nur so haben wir es geschafft, Konflikte auf zivilisierte Weise zu lösen.

Diese Erziehung von Individuen und Gesellschaft für allerdings dazu, dass es den meisten Menschen schwer fällt, über Emotionen zu sprechen. Denn sie haben nicht nur gelernt, sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen, sondern versuchen unbewusst, sie möglichst weit von allem anderen im Leben wegzuhalten. Direkt über Emotionen zu sprechen, löst also bei vielen unangenehme Gefühle aus. Und dasselbe passiert, wenn sie über Gefühle lesen.

Noch dazu wirkt es unrealistisch, wenn du die Emotionen deiner Figuren sehr plakativ beschreibst. Denn oft kann man ja nicht mal selbst genau benennen, wie man sich gerade fühlt. Warum solltest du all das also über die Figuren deiner Geschichte wissen? Streiche also alle „Sie war sehr aufgeregt.“ oder „Er fühlte sich so frei wie schon lange nicht mehr.“ aus deinem Kopf und deinem Roman und zeige lieber, wie deine Figuren sich verhalten, wenn sie sich so fühlen.

Wie kannst du Emotionen in deiner Geschichte zeigen?

Drei Schritte sind erforderlich, um Emotionen wirkungsvoll in deiner Geschichte zu zeigen.

Schritt 1: Beobachte Gefühle bei anderen und bei dir selbst.

Ein guter Schriftsteller ist vor allem ein guter Beobachter. (Twittern)

Das kann man nicht oft genug sagen. Wenn du so schreiben möchtest, dass deine Leser sich von deiner Geschichte fesseln lassen, müssen sie ganz viele Dinge aus ihrem Alltag wieder erkennen, die sie selbst so gar nicht hätten benennen können. Und Emotionen eignen sich aus den vorgenannten Gründen dafür besonders.

Wenn du also eine Emotion in deine Geschichte einfließen lassen und sie zeigen statt sagen möchtest, beobachte am besten zunächst bei dir selbst, was passiert, wenn du dich so fühlst. Wie handelst du, wenn du wütend bist? Wirst du sehr still? Schlägst du Türen? Oder schreist du? Dann schau dir an, wie andere Personen mit derselben Emotion handeln. Deine Liste möglicher Verhaltensweisen wird dadurch noch länger. Du wirst sehr unterschiedliches Verhalten beobachten und dennoch in den meisten Fällen die Emotion dahinter richtig interpretieren können. Und das können deine Leser auch.

Übrigens: Ein toller Nebeneffekt dieser Übung ist, dass du dir deiner und der Emotionen deiner Mitmenschen viel stärker bewusst wirst. Und so auch besser darauf reagieren und mit ihnen umgehen kannst.

Schritt 2: Überlege, wie deine Figur eine Emotion äußern würde.

Beim Beobachten deiner und der Emotionen anderer wirst du feststellen, dass es ganz unterschiedliche Arten gibt, Gefühle zu äußern. Eine einfache „Übersetzungsiste“ zwischen Emotion und beobachtbarem Verhalten gibt es nicht, weil wir dafür alle zu verschieden sind und uns unterschiedlich gut oder schlecht unter Kontrolle haben. Und trotzdem kannst du, wenn du jemanden nicht gerade zum ersten Mal siehst, meist ganz gut erkennen, wie derjenige sich gerade fühlt. Und nicht nur das, du kannst auch wahrscheinlich etwas über die Intensität der Gefühle deines Gegenübers aussagen – wenn er sie nicht sehr stark kontrollieren möchte.

Und wahrscheinlich fällt dir auch das auf: Dieselbe Reaktion kann bei unterschiedlichen Menschen ganz andere emotionale Ursachen haben. Deine nervöse Kollegin, springt alle zwei Minuten auf, checkt ihr Handy und sieht auf die Uhr? Vielleicht hat sie jemand Nettes kennengelernt und ist nun aufgeregt. Dein sonst sehr gelassener Chef macht dasselbe? Das kann wahrscheinlich nichts Gutes heißen.

Dieses Wissen ist sehr wichtig für dich, wenn du deine Figuren Emotionen zeigen lassen willst. Denn das Verhalten, das sie an den Tag legen, muss zu ihrem Charakter passen. Jemand, der sehr temperamentvoll ist, poltert drauf los, wenn er sich ärgert, erzählt es jedem, wenn er aufgeregt ist, weint, wenn er trauert und kann ganz sicher nicht mit seinen Gefühlen hinter dem Berg halten, wenn er frisch verliebt ist. Wenn deine Figur aber eher schüchtern und still ist, passen all diese Reaktionen nicht zu ihr. Deswegen ist Schritt 1 auch so wichtig: Wenn du deine Mitmenschen (und dich selbst) genau beobachtest, stellst du fest, wann eine emotionale Handlung glaubwürdig ist und wann nicht. Und glaubwürdig soll es am Ende natürlich sein.

Schritt 3: Lasse deine Figur die Emotion in einer Situation so erleben, dass man mit ihr fühlen kann.

Zeigen statt sagen heißt für die Figur erleben statt erzählen. Du möchtest zeigen, dass deine Figur enttäuscht ist? Dann zeige nicht einfach, wie sie mit hängendem Kopf nach draußen trottet. Das ist besser als zu schreiben „Sie war sehr enttäuscht.“, aber du kannst deine Leser noch weitaus mehr mitfühlen lassen. Zeige eine Situation von Anfang an, in der die Emotion entsteht. Erzähle, wie dein Held seine Kollegin fragt, ob sie nicht in zwei Wochen mit ihm zu einem Konzert gehen möchte, wie sie ja sagt und wie er zwei Stunden ansteht, um die Karten zu bekommen. Vielleicht leiht er sich sogar Geld dafür. Erzähle, wie er sich einen neuen Anzug kauft, den er dann doch nicht anzieht, weil er ihm zu unnatürlich vorkommt. Und dann lass sie die Verabredung einfach vergessen. Und das nicht einmal böse meinen. Sie entschuldigt sich und es ist ihr unangenehm, aber sie ist an dem Abend mit jemand anderem verabredet. Und dann lasse ihn mit hängendem Kopf nach außen trotten.

Deine Leser sollen fühlen, was deine Figuren fühlen. Dafür musst du miterleben und erkennen lassen, welche Emotionen dort im Spiel sind. Und das geht am besten, wenn deine Leser den ganzen Weg zur finalen Emotion miterleben.

Ich hoffe, ich konnte dich von der Formel „zeigen statt sehen“ überzeugen.

Wie bindest du Emotionen in deine Geschichten ein? Hast du Erfahrungen mit „zeigen statt sehen“? Ich freue mich auf deine Kommentare!

Dieser Artikel ist Teil meiner Reihe Über Emotionen schreiben. Mehr über dieses Thema findest du auch hier:

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