Besser vorlesen: 5 Tipps, wie’s mit deinen Texten klappt

Hattest du in der Schule auch einen Deutsch-Lehrer, der immer nur »Lauter! Lauter!!!« gerufen hat, während jemand aus dem Buch vorgelesen hat? Wahrscheinlich weißt du das längst: besser vorlesen geht anders.

Klar, hören sollte man dich schon, wenn du deine Texte vorliest, aber »lauter« reicht halt nicht (und ist nicht mal unbedingt ein hilfreicher Tipp, wenn du mit Mikrofon liest, aber das ist noch mal ein anderes Thema). Daneben gibt es ein paar Sachen, die du tun kannst, damit man dich nicht nur hört, sondern dir zuhört. Und zwar gerne. Wenn du eine Lesung oder Online-Lesung planst, helfen dir diese TIpps weiter.

Tipp 1: Versuche, nah ans Erzählen zu kommen

Wenn ich dir aufgebracht erzähle, wie vor ein paar Wochen ein SUV-Fahrer auf dem Parkplatz mein Auto geschrammt hat, während ich wild winkend vor ihm stand, um ihn zu warnen, und er mir nachhar achselzuckend sagte, dass er dachte, ich schätze das nicht richtig ein (true story), hörst du mir wahrscheinlich gebannt zu. Wenn ich dieselbe Geschichichte ausformuliert vom Blatt lese, kann’s schon mal passieren, dass deine Gedanken abschweifen.

Warum?

Ganz einfach: Wenn ich erzähle, bringe ich meine Emotionen ein, werde ganz automatisch schneller, wenn’s spannender wird, mache natürliche Pausen. Ich fühle die Geschichte, während ich sie erzähle. Und dadurch fühlen auch die Menschen, die mir zuhören, mit.

Irgendwie verbieten wir uns das selbst, wenn wir vorlesen. Wir fühlen die Texte beim Lesen nicht mit, sondern versuchen, neutral wie eine Nachrichtensprecherin zu klingen. Wir wollen uns perfekt anhören und werden dadurch monoton.

Daher: Lass deine Gefühle raus, erzähle, statt einfach nur abzulesen. Das kann beängstigend sein, weil du dadurch ein Stück Kontrolle abgibst, dich verletzlich machst. Gefahr läufst, vielleicht auch mal ein Wort auszulassen oder etwas falsch vorzulesen (ist übrigens komplett egal, merkt eh niemand). Du machst deinen Text dadurch aber auch richtig, richtig gut. Und dein Publikum wird fühlen, warum dir so viel an dem Text liegt.

Tipp 2: Finde eine gute Stimmlage

Nimm dich mal beim Lesen auf und hör dir deine Stimme an. (Ja, ich weiß. Mach’s trotzdem.) Wie würdest du sie beschreiben? Warm und natürlich? Gepresst? Kratzig? Nasal? Und wie fühlt es sich an, wenn du liest? Locker oder verkrampft?

Für deine Stimme ist es am besten, wenn du in deiner natürlichen Stimmlage sprichst, mit der du zum Beispiel summen würdest. Das kannst du auch gut über eine längere Zeit aushalten. Am besten beobachtest du dich genau beim Sprechen und findest eine Stimmlage, bei der sich deine Stimme entspannt anfühlt und auch anhört.

Tipp 3: Sprich deutlich, ohne deine Sprachfärbung zu verstecken

Lauter musst du nicht unbedingt lesen, wenn du besser vorlesen willst – und dabei ein Mikrofon nutzt. Dadurch kann deine Stimme sogar unnatürlich und unangenehm wirken. Es ist aber schon ganz gut, wenn man mitbekommt, was du sagst. Das erreichst du am besten, indem du nicht über Wortendungen hinweghuschst, sondern jedes Wort zu Ende sprichst. Aber Achtung: Das heißt nicht, dass du überzogen deutlich und unnatürlich sprechen sollst. Oder gar einen Dialekt verstecken.

Deine natürliche Sprachfärbung gehört zu dir, und ohne Sprachtraining ist es nahezu unmöglich, sie »loszuwerden«. Das musst du aber auch gar nicht, denn sie macht dich und deinen Text sympathisch und einzigartig. Wenn du zu Hause in starkem Dialekt sprichst, lies einfach so, wie du sprichst, wenn Menschen aus einem anderen Bundesland triffst. Die verstehen dich auch, ohne dass du versuchst, exaktes Hochdeutsch zu sprechen.

Tipp 4: Schreibe Notizen in deinen Text

Vorlesen hat einen entscheidenden Vorteil: Du kannst einen Spickzettel mitnehmen, ohne dass es jemand mitbekommt. Nutze das auf jeden Fall. Schreibe in deinen Text (am besten in einer anderen Farbe) Betonungszeichen und Notizen, die dir beim Vorlesen helfen. Du kannst dir auch gute Stellen für Pausen eintragen oder dich daran erinnern, wann du das Tempo erhöhen solltest.

Als Billenträgerin der ersten Stunde (meine erste Brille hatte ich mit 3 Jahren) drucke ich meine Texte außerdem in größerer Schrift aus. Das macht es auch bei schlechtem Licht leichter, sie gut zu erkennen.

Tipp 5: Übe schwierige Wörter vorher

Eine meiner Teilnehmerinnen ist Kinesiologin. Immer, wenn ich mit ihr über ihre Texte sprechen wollte, stolperte ich über dieses Wort. Bis ich es diese Woche Leid war: Ich habe das Wort geübt und kanne es jetzt fehlerfrei und schnell sprechen – kein Ding.

Denn: Schwierige Wörter kann man üben. Einfach ein paar mal schnell hintereinander sagen. Du kannst auch die Vokale im Wort tauschen und es so von seinem Sinn befreien. Das macht es leichter, es zu üben, und wenn es dann im Text vorkommt, bleibst du nicht hängen.

Wenn im Text, den du lesen willst, Wörter vorkommen, über die du regelmäßig stolperst, trainiere sie. Dann kannst du sie im Ernstfall besser vorlesen. Und wenn du trotzdem drüber stolperst: siehe oben. Macht absolut gar nichts.

Besser vorlesen = mehr vorlesen

Einen Bonus-Tipp gibt es noch: Lesen ist nicht anders als andere Fertigkeiten. Je mehr du es tust, desto leichter wird es dir fallen. Wenn du also wirklich besser vorlesen willst, nutze jede Gelegenheit zum Üben. Du lernst dich, deine Texte, deine Stimme und deine ganz persönliche Art zu lesen dadurch auch viel besser kennen.

Was sagst du dazu?

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  1. Hej Yvonne,
    zu gerne habe ich deinen Blogpost gelesen. Und festgestellt, dass ich intuitiv schon deine Tipps beherzige. Der Workshop bei dir hat mich, mein Schreiben und vor allem mein Vorlesen so enorm vorangebracht. Nicht umsonst war dein erster Kommentar, dass du Gänsehaut hattest beim Zuhören und ich unbedingt veröffentlichen und vor allem vorlesen muss.
    Durch den Workshop bei dir in unserer Truppe, die sich ja noch immer trifft nach über einem Jahr, habe ich mich getraut, eine Ausstellung samt Lesung meiner noch nicht einmal fertigen Geschichte zu machen.
    Falls du also jemals einen Vorleser brauchst, der seine Geschichte zum besten gibt, und zwar zu gerne, sag Bescheid.
    Yvonne, der Workshop bei dir war absolut das Beste für mein Schreiben.

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Meine großen Leidenschaften sind Lernen, Schreiben und Bloggen. Diese drei Dinge bestimmen mein Leben täglich und sie erweitern beständig meinen Blick auf die Welt.
Meine Mission ist es daher, Menschen dabei zu helfen, ihr Potenzial in diesen Bereichen auszuschöpfen. Ich weiß, dass gerade das Schreiben auch einen heilenden Effekt haben kann und freue mich umso mehr, Menschen als Coach und als Mentorin auf dem Weg zu ihrem kreativsten Selbst zu begleiten.

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