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Ich habe vor etwa fünfzehn Jahren mal einen Kurs zum Drehbuchschreiben belegt. Und dabei viel über Storytelling und kreatives Schreiben gelernt. Wir haben die Heldenreise besprochen, die ich seitdem überall erkenne. Wir haben gelernt, wie man sich von Klischees fernhält, und über den Sinn und Unsinn von Rahmenhandlungen diskutiert. Vor allem aber haben wir darüber gesprochen, wie wir alle bessere Dialoge schreiben können. Denn Dialoge sind im Film noch wichtiger als im Roman, wo sie ohnehin schon sehr wichtig sind.

Unser Dozent sagte damals, dass gute Dialoge

  • authentisch,
  • spannend,
  • konfliktreich,
  • über mehrere Ebenen angelegt,
  • einzigartig,
  • emotional
  • und am besten brüllend komisch sind.

Das brüllend komisch würde ich heute nicht zu 100 Prozent unterschreiben, aber ich weiß, was er meinte. Die Figuren, die miteinander reden, sind natürlich viel, viel (VIEL!) schlagfertiger als wir alle im Alltag. Das macht Dialoge nicht unbedingt immer brüllend komisch, aber oft witzig oder – noch besser – gewitzt.

Wie du aus Filmen lernen kannst, bessere Dialoge zu schreiben

Wenn du einen guten Dialog für deinen Roman schreibt, schafft er das, wozu ein Film ein ganzes Team benötigt: Er lässt vor den Augen deiner Leser*innen ganz deutlich die Szene entstehen, die du dir vorgestellt hast. Und er zeigt dabei deine Figuren von unterschiedlichen Seiten, entwickelt ihren Charakter und bringt auch deine Geschichte voran.

Das funktioniert am besten, wenn es in dem Dialog einen Konflikt gibt, wenn genau zwei Figuren miteinander sprechen und beide am oberen Ende ihrer Möglichkeiten kommunizieren, also mit Worten versuchen, das Beste aus dem Gespräch herauszuholen. Das heißt nicht, dass nicht eine Figur die Oberhand in der Dialogsituation haben kann. In einem der drei Beispiele, die ich im letzten Abschnitt erläutere, ist das ganz klar der Fall. Trotzdem agiert die andere Person ebenfalls so gut, wie es ihr irgendwie möglich ist.

Gute Dialoge im Film erkennst du sofort. Du wirst gespannt zuhören und wissen wollen, was passiert. Die Figuren werden starke Emotionen zeigen (oder unterdrücken), die sich beim Zuschauen auch auf dich übertragen werden. Du wirst feststellen, wie beide Figuren versuchen, die Situation durch das Gesprochene zu ihren Gunsten zu verändern. Und du wirst nach dem Dialog mehr über eine oder beide der Figuren wissen als vorher.

Wenn du eine solche Szene gefunden hast, kannst du daraus etwas für die Dialoge in deinem Roman lernen. Und zwar in zwei Schritten. Nimm dir dafür am besten eine Filmszene vor, die nicht länger als ein paar Minuten dauert. Kürzer ist natürlich auch in Ordnung; oft braucht die Entwicklung des Konflikts in der Szene jedoch zumindest ein bisschen Zeit. Je kürzer die Szene ist, desto mehr kannst du (bei gleichem Aufwand) in die Tiefe gehen, und das wird dir für das Schreiben von Dialogen sehr helfen. Dabei lernst du nicht nur, wie das Hin und Her der Gesprächszeilen zwischen den Figuren gut funktioniert, sondern du erhältst jede Menge Anschauungsmaterial für nonverbale Kommunikation, die auch deinem Roman gut tut.

Schritt 1: Transkribiere den Dialog.

Im ersten Schritt solltest du den Dialog transkribieren, das heißt: ihn aufschreiben. Und zwar so, wie er in einer Romanszene stehen könnte. Du schreibst also nicht nur, wer etwas sagt, sondern auch, wie das Ganze passiert, also beispielsweise:

Hannibal Lecter nahm das Buch herunter, in dem er bis gerade gelesen hatte. Er drehte sich mit Schwung auf seinem Stuhl zu Clarice Starling um, die vor den Gittern seiner Zelle stehengeblieben war. Leicht vorgebeugt, das Buch in seinem Schoß abgelegt, schaute er Starling von unten in die Augen. „Man wird noch sagen, wir seien verliebt“, sagte er, die Hände über dem Buch verschränkt.

Diese Beschreibung bezieht sich auf den Anfang der Szene aus Das Schweigen der Lämmer, die du hier sehen kannst: https://www.youtube.com/watch?v=FvCO8U0mz1M und es ist leicht möglich, sie noch detaillierter zu beschreiben. Was tun die Figuren? Wie schauen sie einander an? Was sagen sie durch ihre Mimik, Gestik, Bewegungen im Raum und auch durch ihr Schweigen? All das kannst du ganz einfach aufschreiben. Je länger du dich mit einer einzelnen Dialogszene beschäftigst, desto mehr Details werden dir auffallen.

Wenn du dir von Anfang an angewöhnst, nicht im Präsens, sondern im Präteritum zu schreiben – wie es in Romanen Standard ist -, bekommst du gleich ein Gespür dafür, wie du eine ähnliche Dialogszene im Roman umsetzen könntest.

Schritt 2: Analysiere den Dialog.

Du hast nun dein Transkript und kannst weiter damit arbeiten. Am besten nimmst du dir Zeile für Zeile vor, was passiert, und analysierst es. Dabei stellst du dir am besten die folgenden Fragen:

  • Wer spricht gerade?
  • Was sagt die Figur?
  • Was tut sie?
  • Was will sie damit ausdrücken?
  • Was wird mit Hilfe nonverbaler Kommunikation ausgesagt?
  • Was ist das Ziel in der Situation für die sprechende Figur?
  • Woran erkennst du, dass das ihr Ziel ist?
  • Wo unterscheidet sich das, was sie sagt, von dem, was sie wirklich meint?
  • Woran erkennst du diesen Unterschied?
  • Was tut die andere Figur zeitgleich (außer zuzuhören)?
  • Warum tut sie das?
  • Was sagt sie damit aus?
  • Wie gehen die Figuren im Gespräch aufeinander ein? Welche Wörter übernehmen sie voneinander? Wo reden sie bewusst aneinander vorbei?
  • Wie entwickelt sich das Gespräch?
  • Welchen Konflikt gibt es? Wodurch wird er deutlich und wie wird er gelöst?

Auf diese Weise kannst du die gesamte Szene analysieren. Du erkennst dann zum Beispiel, dass das lockere Umdrehen auf dem Stuhl Gelassenheit und Überlegenheit demonstrieren soll. Obwohl Lecter derjenige ist, der hinter Gittern sitzt, ist er die dominante Person in der Szene. Starling kann ihm nichts anhaben. Das merken wir durch seine Körpersprache sofort. Auch Leser*innen verstehen das, wenn du eine entsprechende Gestik beschreibst. Und das ist viel eleganter, als einfach mit dem Holzhammer zu erklären: Lecter zeigte seine Überlegenheit durch seine Körperhaltung.

In einer guten Dialogszene passiert nichts ohne Bedeutung. Jede Bewegung, jedes Zögern, jeder Ausdruck trägt zum Dialog bei. Selbst wenn du dir den Hintergrund anschaust, wirst du feststellen, dass er in den meisten Fällen eine Funktion erfüllt.

Drei Beispiele für Filme mit guten Dialogen

Damit du schon mal ein wenig „Futter“ zum Üben hast, habe ich dir drei Filme herausgesucht, die meiner Meinung nach gute Dialogszenen enthalten. Ich habe dir jeweils eine Szene auf Youtube verlinkt, wo sie leider alle nur auf Englisch zu finden sind. Es ist aber gar nicht schlimm, wenn du nicht jedes Wort verstehst. Schau dir einfach an, wie die Figuren interagieren, und nimm mit, was du daraus verstehst.

Du findest sonst auch viele andere Filme mit guten Dialogen. Die Coen-Brüder, Woody Allen, Quentin Tarantino und Aaron Sorkin sind einige Drehbuchautoren, die bekannt für ihre guten Dialoge sind.

Good Will Hunting

Good Will Hunting erzählt die Geschichte eines hochbegabten jungen Manns, der aus sozial schwierigen Verhältnissen kommt und deswegen fast sein Leben zerstört. Er findet im Psychologen Sean Maguire einen Mentor. Die Gespräche zwischen den beiden sind anfangs schwierig, später tief und manchmal auch – ja – brüllend komisch.

Eine bekannte Dialogszene, die sich für die Analyse eignet, findest du hier: https://www.youtube.com/watch?v=zKQBHkzOYvw. In dieser Szene passiert sehr viel zwischen den beiden Figuren, ohne dass es ausgesprochen wird, und sie endet anders, als man anfangs denkt.

No Country For Old Men

Dieser Film der Coen-Brothers erzählt die Geschichte des Mörders Anton Chigurh, dessen Bösartigkeit nicht in normale Kategorien passt. In der ausgewählten Szene zeigt er die Bösartigkeit dem Betreiber einer Tankstelle, ohne dass er ihn angreift oder auch nur direkt bedroht. Er übernimmt durch seine Worte, seine Gestik und seine Körperhaltung die Führung in dem Gespräch, und das wird sehr geschickt gemacht.

Der Betreiber gerät in die Defensive, während die Dialogzeilen relativ normal scheinen. Obwohl er teilweise gar nicht weiß, worum es gerade in dem Gespräch geht, versucht er doch ein wenig Kontrolle zu behalten. Wenn du verstehen willst, wie Körpersprache in Dialogen funktioniert, ist dies hier die perfekte Szene: https://www.youtube.com/watch?v=OLCL6OYbSTw

Prisoners

Prisoners von Denis Villeneuve erzählt die Geschichte eines Polizisten und des Vaters eines entführten Mädchens. Beide versuchen, den Täter zu finden und das Mädchen zu retten, geraten dabei aber aneinander, weil sie völlig unterschiedliche Methoden für richtig halten.

In dieser Szene kannst du gut beobachten, wie 1. nicht immer gesagt wird, was gemeint ist, man beim Zuschauen aber trotzdem versteht, was gerade passiert, und wie 2. Emotionen innerhalb einer Dialogszene ausbrechen können: https://www.youtube.com/watch?v=5zooQSyenyE

All diese Techniken kannst du auch im Roman anwenden, wenn du dir im Film abschaust, wie gute Dialoge funktionieren.

Hier findest du fünf weitere Tipps und ein Beispiel, wie deine Dialoge natürlicher werden.

Ich hoffe, dieser Artikel hat dir geholfen. Ich freue mich, wenn du mir einen Kommentar hinterlässt!

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