Wir müssen übers Gendern reden

Etwa einmal pro Woche bricht in meiner Facebook-Blase die Diskussion über gendergerechte Sprache los. Meine Reaktion: Ich fange an, eine lange Antwort zu tippen, formuliere, suche Beispiele, bemühe mich, empathisch und sachlich zugleich zu klingen. Währenddessen - ich brauche relativ lange dafür - schaukeln sich meist zwei oder drei Leute hoch. »Davon kriegen Frauen auch nicht mehr Geld!« steht ziemlich schnell da. »Wir haben doch wohl andere Probleme« folgt und wird abgelöst durch »Mich stört das generische Maskulinum nicht«. Und während ich noch meine Argumentation aufbaue, fällt der Vergleich: »Die vergew*gen unsere schöne Sprache!«

An der Stelle bin ich dann raus. Dieser Vergleich triggert mich. Ich möchte nicht an Diskussionen teilnehmen, in denen Veränderungen an Sprache mit einem der schwersten Gewaltverbrechen, die das Strafrecht kennt, gleichgesetzt werden. Das tut mir nicht gut.

Früher habe ich noch versucht, trotzdem ein paar Sätze zu schreiben. Weil ich ja doch die ganze Zeit drüber nachgedacht habe. Aber oft hatte ich das Gefühl, mein Gegenüber steckt sich die Finger in die Ohren und singt die Polonäse Blankenese, sobald ich zum Gegenargument ansetze.

Das Thema ist mir immer noch wichtig. Ich wünsche mir da mehr Offenheit und Gelassenheit. Und habe außerdem jede Menge halbfertige und nie veröffentlichte Antworten aus solchen Diskussionen, an denen ich dann doch nicht teilgenommen habe.

Daher jetzt dieser Artikel.

Ich sag's dir gleich: Es ist mir egal, ob du in deinen Texten gendergerechte Sprache verwendest oder nicht. Ich habe nicht vor, dich von irgendetwas zu überzeugen, was du nicht willst. 

Jede*r darf für die eigenen Texte selbst entscheiden, ob sie Sternchen, Doppelpunkte, zwei Formen, neutrale Formulierungen oder das generische Maskulinum enthalten. (Außer an Schulen in Sachsen: Da dürfen Lehrkräfte seit August 2021 keine Genderzeichen in schulbezogenen Texten mehr verwenden.

Ich habe mich dafür entschieden. Seitdem wird das Thema für mich zunehmend wichtiger. Wenn du wissen möchtest, was mich an diesen Diskussionen so stört und was der Grund für meine Entscheidung war, ist dieser Text für dich.

Vor ein paar Jahren habe ich damit begonnen, gendergerechte Sprache zu verwenden. So konsequent, wie ich es schaffe.¹ Etwa alle ein bis zwei Wochen bekomme ich deswegen Nachrichten von mir völlig unbekannten Menschen - abhängig davon, wie aktiv ich gerade auf Social Media bin. Nicht unter Artikeln, in denen ich meine Meinung zum Thema kundtue. Die gab's bis gerade ja noch gar nicht, das hier ist der erste (und wahrscheinlich der einzige).

Nein, unter Texten mit Gendersternchen. Manchmal auch per E-Mail. Oder als Kommentar unter einem alten Artikel, in dem ich noch keine Sternchen verwendet habe. Denn auf der Startseite kann man leider nicht kommentieren.

Und ich denke mir dann immer: Wow. Ganz schön viel Aufwand, auf fremden Plattformen lange Nachrichten zu hinterlassen, weil ein kleines Zeichen einen stört.

Ich selbst habe mich mittlerweile so sehr an die verschiedenen Formen - Sternchen, Doppelpunkt, Apostroph - gewöhnt, dass ich immer einen Moment brauche, mich auch wirklich angesprochen zu fühlen, wenn mich jemand mitzumeinen meint. Aber noch nie bin ich auf die Idee gekommen, meine Ansichten zu gendergerechter Sprache an Stellen kundzutun, an denen es eigentlich um etwas ganz anderes geht.

Das ist dann mein zweiter Gedanke nach »Wow«. Es ist nicht nur viel Aufwand, sondern auch übergriffig. Warum sollte ich andere Menschen unter ihren eigenen Texten, auf ihren eigenen Plattformen oder Social-Media-Accounts belehren, wie sie meiner Meinung nach ihre Texte schreiben sollen, damit ich mich nicht an ihnen störe? Ich würde mich fühlen, als würde ich zu Fremden ins Haus gehen und sagen, was mir an ihrer Einrichtung nicht gefällt. Und zwar nur bei den Menschen, von denen ich weiß, dass sie eine komplett andere Einstellung als ich haben.

Warum tun manche Leute das?

Das ist natürlich eine rhetorische Frage.

Es gibt Themen, bei denen die Emotionen innerhalb von Sekunden hochkochen. Sollten wir vielleicht alle weniger Fleisch essen? Brauchen wir eine Frauenquote in Politik und Wirtschaft? Müssen wir wirklich auf der Autobahn die Möglichkeit haben, 200 km/h zu fahren? Und wäre es nicht schön, wenn wir Sprache so verwenden würden, dass sie die Vielfalt unserer Welt zeigt?

Diskussionen über diese und ein paar andere Themen sind deswegen so emotional besetzt, weil es in ihnen eigentlich um etwas anderes geht. Um Privilegien, Schuld(gefühle), die Art, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen. Es sind Ersatz-Diskussion für viel wichtigere Themen, bei denen es uns zutiefst unangenehm ist, wenn wir nicht einer Meinung sind.

Ist es unsere Verantwortung als Menschheit, auf diesen Planeten und all seine Lebewesen zu achten? Möchten wir den nachfolgenden Generationen ein Leben ermöglichen, das mindestens so erfüllt und sorgenfrei ist wie unseres? Wollen wir eine Gesellschaft, in der alle Menschen dieselbe Chance auf Teilhabe haben? Diese Fragen beantworten die meisten von uns auf dieselbe Weise, ohne Zögern, ohne Nachdenken. Natürlich wollen wir das alles.

Aber wollen wir auch unser Leben verändern? Uns eingestehen, dass vielleicht nicht alles, was wir so machen und gemacht haben, so weltoffen und fortschrittlich ist, wie wir uns selbst gerne sehen?

Auf der einen Seite wissen die meisten von uns, dass unsere Welt auf Ungleichheiten beruht. Und dass eine andere Welt möglich ist. Auf der anderen Seite wollen wir natürlich nicht Schuld daran haben, dass es diese Ungleichheiten gibt. Und wenn wir uns dazu entschließen, etwas zu ändern, ist das ja fast schon ein Schuldeingeständnis. 

Wir alle tragen eigentlich unvereinbare Ansichten in uns. Zu den unterschiedlichsten Themen. Das nennt sich kognitive Dissonanz und ist ziemlich unangenehm. Es ist das Glas Wein beim Essen, das den Abend auflockert und das dem Körper schadet. Es ist das Steak, das so gut schmeckt und mal ein fühlendes Lebewesen war. Es ist der gut bezahlte Job für die Firma, deren Werte man nicht teilt. Fühlt sich nicht gut an.

Im Grunde gibt's drei Strategien gegen kognitive Dissonanz:

  1. Ignorieren. Das können wir erstaunlich gut. An der Uni gab's dazu immer das Beispiel der Raucher*innen, die genau wissen, dass das Rauchen ihr Leben verkürzt. Aber es gibt noch viel mehr Beispiele. Adorno hat gesagt, es gibt kein richtiges Leben im falschen, und ich mag den Satz sehr, weil er an unsere Verantwortung erinnert, das umzusetzen, woran wir glauben. Stimmen tut er natürlich nicht: Überall gibt's richtiges und falsches Leben in einem, applaudieren wir abends auf dem Balkon dem Pflegepersonal und wählen dann die Parteien, die nichts an deren schlechter Bezahlung ändern wollen. Ignorieren die kognitive Dissonanz, die das in uns verursacht.
  2. Verteidigen. Der älteste Mensch der Welt hat jeden Tag zwei Gläser Rotwein getrunken. Die Firma spendet jedes Jahr ans Kinderkrankenhaus. Wir brauchen keine Sichtbarkeit in der Sprache, sondern echte Veränderungen. Manchmal sind solche Verteidigungen eher lahm, manchmal werden sie regelrecht aggressiv. Und zwar vor allem bei den Themen, die ich oben genannt habe: Immer dann, wenn's um unsere Verantwortung und unser Selbstbild als Menschen geht.

    Angriff ist ja bekanntermaßen die beste Verteidigung. Und so sehe ich die Kommentare auf meiner Website oder unter meinen gegenderten Posts: Da verteidigen Menschen sich selbst gegen ihre kognitive Dissonanz. Aber ich habe ja noch eine dritte mögliche Strategie genannt. Und die heißt:
  3. Akzeptieren. Anerkennen, dass wir nicht perfekt sind. Dass wir alle in unserem Leben schon Fehler gemacht haben. Kleine, unnötige, charmante, aber auch größere und welche, die andere verletzt haben. Manchmal, ohne dass wir das wollten. Und manchmal war es uns vielleicht auch egal. Das ist nicht schön und nicht angenehm und nichts, worauf wir stolz sein können. Aber es bedeutet auch nicht, dass wir immer weiter an unserem alten Verhalten festhalten müssen. Dass wir so tun müssen, als würden wir es in Ordnung finden, obwohl wir das nicht tun. 

Was das mit gendergerechter Sprache  zu tun hat?

Naja. Wenn wir alle der Meinung sind, dass wir uns eine Welt mit gleichen Chancen für alle wünschen, sollten wir wohl Taten folgen lassen. Und klar, ein Gendersternchen löst keine Ungleichheitsprobleme. Zahlt Frauen (um die es übrigens nicht exklusiv dabei geht) nicht mehr Gehalt. Besetzt Bundestage nicht paritätisch. Macht nicht die komplette Care-Arbeit, damit's darüber keinen Stress mehr gibt.

Aber: Es bringt Sichtbarkeit. Es sorgt dafür, dass wir in der Sprache alle Menschen explizit zeigen. Nicht die einen nennen und die anderen »mitmeinen« - und somit eine Hierarchie zwischen unterschiedlichen Menschen durch die Sprache festigen. Unzählige Male an jedem einzelnen Tag.

Viel sinnvoller wäre es, nicht Menschen in eine Rangfolge zu bringen, sondern unterschiedliche Interessen. Das ist iIn einer Gesellschaft an der Tagesordnung. Denn natürlich haben wir alle verschiedene Wünsche und Ansprüche. Und manchmal widersprechen die sich. Also sagt man: Der Anspruch von Menschen, die ohne Lebensgefahr die Straßenseite wechseln wollen, ist höher als der von Menschen, die nicht bei rot an der Ampel halten wollen. Den einen tut's nicht (sehr) weh, für die anderen macht es einen großen Unterschied.

Genauso ist es bei der gendergerechten Sprache: Diejenigen, die dafür eintreten, Frauen, Männer und nicht-binäre Menschen explizit in Texten zu erwähnen, wollen mehr Teilhabe an der Gesellschaft für alle. Die anderen finden es schwierig, ein Sternchen zu lesen oder zu schreiben. Wenn ich selbst Texte schreibe, fällt es mir leicht, diese beiden Ansprüche gegeneinander aufzuwiegen.

Ja, ich weiß. Generisches Maskulinum. Ist ja alles nicht so gemeint. Wir verwenden die grammatikalische Form des Makulinum, meinen aber einfach alle Geschlechter. Steht so im Duden. Zack, erledigt. Haben wir immer schon gemacht.

Das generische Maskulinum hat allerdings ein paar Probleme. Klar verwenden wir es heute so, als ob diese Pluralform alle Menschen einschließen würde. »Haben wir immer schon gemacht« stimmt aber gar nicht. Im öffentlichen Leben und in bestimmten Berufsgruppen waren lange Zeit ausschließlich Männer relevant. Studenten waren männlich, Professoren und Ärzte auch. Irgendwann kamen vereinzelt Frauen hinzu. Aber im Grunde waren's immer noch Studenten, Professoren und Ärzte. Es war überhaupt nicht generisch gedacht. Sondern wörtlich.

Außerdem führt das generische Maskulinum zu Missverständnissen: Wenn du mir von 100 Lehrern bei einem Kongress erzählst, sehe ich eine Gruppe von Männern vor mir. Ich wäre überrascht, wenn ich die echte Gruppe nachher sehen würde und sie würde aus 99 Lehrerinnen und einem Lehrer bestehen - auch wenn das generische Maskulinum das grammatikalisch korrekt ermöglicht. Wenn wir uns miteinander austauschen, entstehen automatisch Bilder in unseren Köpfen. Diese Bilder sind das, was wir verstehen, was uns bewegt und beeinflusst. Nicht die grammatikalische Bedeutung des Gesagten. Es ist zwar dann korrekt, aber trotzdem nicht richtig. Durch das Gendersternchen wird die Sprache genauer. Vielleicht denken manche bei einer Gruppe von 100 Lehrern an eine gemischte Gruppe. Manche aber eben nicht. Wenn wir uns miteinander austauschen, führt »100 Lehrer« eher zu Missverständnissen als »100 Lehrer*innen«. Denn »100 Lehrer« hat zwei mögliche Bedeutungen, und vielleicht nutzen wir den Ausdruck unterschiedlich.

In der Alltagssprache wird das generische Maskulinum auch nicht konsequent verwendet. So oft habe ich in den letzten Monaten von Kassiererinnen gehört, die einen super Job machen (was sie tun), dabei sehe ich in jedem Supermarkt, in den ich gehe, auch männliches Personal, das einen super Job macht. »Kassiererin« ist eben ein Beruf, den wir eher mit Frauen in Verbindung bringen, daher drängt sich hier auch kein generisches Maskulinum auf. Auch über Ärzte und »Krankenschwestern« wurde viel geschrieben. Statt von Reinigungskräften sprechen die meisten immer noch von Putzfrauen. Das festigt Bilder und Rollenverständnisse. Ich habe als Kind im Zusammenhang mit der Challenger-Katastrophe vom Teacher-in-Space-Programm gehört und dachte, dass man als Frau nur so ins Weltall kann. Als Lehrerin mit viel Glück. Weil ich das Wort »Astronautin« noch nie gehört hatte. Damals war ich 10. Und ich habe das noch einige Jahre lang geglaubt. Ich wusste auch nicht, dass Frauen auch Flugzeuge fliegen dürfen. Nie hat jemand von einer Pilotin gesprochen - also gab's die nicht. Was wir oft hören, formt unsere Überzeugungen. Sprache kann so die Welt beeinflussen und tut es jeden Tag.

Das wichtigste Werkzeug, mit dem wir eine Verbindung zwischen uns herstellen können, ist unsere Sprache. Sie sollte all das widerspiegeln, was uns als Gesellschaft, als Menschheit wichtig ist. Und eigentlich geht's genau darum in den Diskussionen ums Gendersternchen. Wie wollen wir zusammen leben? Wie bisher? Oder geht es vielleicht auch besser?

In Büchern und Artikeln wird oft argumentiert, als wäre Sprache eine Naturwissenschaft, an deren Regeln wir uns nun mal halten müssen. Das Gendersternchen gab's früher nicht; deswegen ist es falsch.

Sprache ist aber immer schon gewachsen. Sie dient dazu, uns Menschen miteinander zu verbinden. Wenn wir uns unsere Sprache anschauen und feststellen, dass sie an manchen Stellen nicht mehr so funktioniert, wie wir uns das als Gesellschaft wünschen, müssen wir das nicht hinnehmen, als ginge es um Gravitation. Sondern wir können es ändern und bessere Wege finden. Wenn wir das wollen. Im Jahr 2020 wurde der Duden um 3.000 neue Wörter ergänzt. Weil die Wörter, die wir vorher hatten, nicht mehr reichten.

Unser Werkzeug Sprache verändert sich ständig, weil unsere Welt sich ständig verändert. Das hält unsere Sprache aus. Sprache ist etwas so Wundervolles, Starkes, Nützliches und Verbindendes, dass sie ihre Kraft nicht verliert, wenn wir sie unseren Bedürfnissen anpassen.

Natürlich gibt's daneben ganz viele andere Baustellen, an die wir ranmüssen. Aber wir sind als Gesellschaft und als Individuen ja in der Lage, uns mit mehr als einem Thema gleichzeitig zu beschäftigen. Wir können Sprache inklusiv machen UND für eine gerechte Verteilung von Ressourcen kämpfen UND Frauen besser vor Gewalt schützen. Und noch viele Dinge mehr. Denn wenn wir wollen, können auch wir als Menschen genauso wundervoll, stark, nützlich und verbindend füreinander sein wie unsere Sprache.

_

¹ Es gelingt mir nicht immer. Der Titel meines Bloggen-Buchs ist zum Beispiel nicht gegendert. Den habe ich allerdings auch nicht ausgesucht, und mir fehlte für diese Auseinandersetzung zu diesem Zeitpunkt einfach die Kraft. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre das vielleicht anders gewesen. (zurück in den Text)

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Meine großen Leidenschaften sind Lernen, Schreiben und Bloggen. Diese drei Dinge bestimmen mein Leben täglich und sie erweitern beständig meinen Blick auf die Welt.
Meine Mission ist es daher, Menschen dabei zu helfen, ihr Potenzial in diesen Bereichen auszuschöpfen. Ich weiß, dass gerade das Schreiben auch einen heilenden Effekt haben kann und freue mich umso mehr, Menschen als Coach und als Mentorin auf dem Weg zu ihrem kreativsten Selbst zu begleiten.

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