Kurzgeschichte schreiben: In 9 Schritten zur eigenen Kurzgeschichte

Warum es sinnvoll ist, eine Kurzgeschichte zu schreiben

Viele Autorinnen und Autoren beginnen ihre Schriftsteller-Karriere mit dem Schreiben von Kurzgeschichten.

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen sind Kurzgeschichten flexibler und du kannst leichter experimentieren, ohne dein Publikum zu enttäuschen. Zum anderen gibt es häufig Schreibwettbewerbe, für die Kurzgeschichten eingereicht werden müssen. Solche Wettbewerbe sind eine gute Chance, als noch unbekannter Autor veröffentlicht zu werden. Und dann haben Kurzgeschichten natürlich auch noch den Vorteil, dass man sie relativ fix abschließen kann, also ein schnelles Erfolgserlebnis hat. Wenn du schon einmal an Seite 200 deines Romans ins Stocken geraten bist, weißt du, wie wichtig das sein kann.

Wenn auch du eine Kurzgeschichte schreiben möchtest, aber noch nicht genau weißt, wie du damit anfangen sollst, kannst du dich ganz einfach an diesem Kurzgeschichten-Guide orientieren, mit dem du in 10 Schritten deine eigene Kurzgeschichte schreiben kannst. Für alle, die es noch strukturierter und mit mehr Anleitung mögen, gibt es in meinem Schreib-Shop das Arbeitsheft Kurzgeschichte schreiben.

Finde dein Thema

Bevor du mit dem Schreiben deiner Kurzgeschichte loslegen kannst, musst du natürlich festlegen, worüber du schreibst. Wenn du für einen Schreibwettbewerb schreibst, steht das grobe Thema schon fest (zum Beispiel eine Kurzgeschichte zum Thema Angst, Freundschaft, Ungleichheit etc.). Trotzdem solltest du noch ein wenig Zeit in die konkrete Ausarbeitung stecken.

Wenn du kein vorgegebenes Thema hast, solltest du dir das Oberthema selbst aussuchen. Hier musst du gar nicht zu intensiv überlegen. Nimm einfach ein Schlagwort, das dir etwas bedeutet und zu dem du gerne eine Geschichte schreiben würdest.

Um dein konkretes Thema zu finden, empfehle ich die Methode des Clustering. Dazu schreibst du dein Oberthema in die Mitte eines leeren Blattes und ziehst einen Kreis darum. Dann schreibst du ein, was dir als erstes zu dem Wort einfällt, umkreist es ebenfalls und ziehst einen Kreis darum. So fährst du fort, bis du dein Thema gefunden hast.

Weitere Kreativitätstechniken findest du hier.

Entwickle deine Hauptfigur

Deine Hauptfigur ist die Figur deiner Geschichte, mit der deine Leser und Leserinnen sich am meisten identifizieren und für die die Handlung deiner Geschichte am wichtigsten ist. Entsprechend solltest du sie möglichst früh festlegen. Die folgenden Fragen helfen dir dabei:

  • Wie sieht eine Figur aus, die etwas zum Thema deiner Geschichte zu sagen hat? Wie steht sie zu dem Thema?
  • Welche Anknüpfungspunkte hat man als Leser an die Figur?
  • Wo kommt deiner Figur her?
  • Wie heißt sie?
  • Welche Motive hat sie?
  • Was steht ihr im Rahmen der Geschichte im Weg?

Wenn du diese und ähnliche Fragen zu deiner Hauptfigur beantwortet hast, solltest du ein Kurzprofil über sie schreiben, das nicht länger als eine Seite ist und alle wichtigen Informationen umfasst. Dies wird dir helfen, wenn du deine Kurzgeschichte schreibst.

Du kannst das Ganze auch noch für einen Antagonisten oder eine Antagonistin durchführen. Anders als im Roman solltest du jedoch nicht mit zu großem „Personal“ aufwarten und jede Nebenfigur detailliert ausarbeiten. Kurzgeschichten sollten insgesamt – wie der Name es sagt – relativ kurz bleiben.

Übrigens: Zum Thema Figurenentwicklung habe ich hier auf der Webseite einiges geschrieben. Du findest die Artikel zur Figurenentwicklung hier. Außerdem biete ich auch zu diesem Thema ein komplettes Arbeitsheft an.

Entscheide dich für einen zentralen Konflikt

Ohne Konflikt gibt es keine Geschichte, sondern nur eine Aneinanderreihung von unbedeutenden Ereignissen. Erst der Konflikt macht das Ganze erzählens- und lesenswert.

Anders als beim Roman jagst du deine Hauptfigur jedoch nicht von einem Konflikt zum nächsten, während sie den zentralen Konflikt zu lösen sucht, sondern du konzentrierst dich auf den einen Hauptkonflikt mit vielleicht ein paar Nebenkonflikten. Diese haben jedoch alle mit dem Hauptkonflikt direkt zu tun.

Als nächsten Schritt überlegst du dir also einen solchen zentralen Konflikt. Dieser muss natürlich etwas mit dem Thema deiner Geschichte und deiner Hauptfigur zu tun haben. Wenn du die beiden zusammenbringst, was könnte der größte Konflikt sein? Du kannst auch hier wieder verschiedene Kreativitätstechniken anwenden, um den Konflikt zu finden, der dich am meisten anspricht.

Überlege dir die Rahmenbedingungen für die Geschichte

Jede Geschichte braucht ein gutes Setting, am besten eins, in dem der zentrale Konflikt besonders gut herauskommt. Du möchtest über die Schwierigkeiten von sozialem Aufstieg schreiben? Wähle am besten einen Ort und eine Zeit aus, in der dies nahezu unmöglich war, zum Beispiel London im 18. Jahrhundert. Dein Thema ist der Schutz der Umwelt? Das eignet sich hervorragend für eine Science Fiction-Geschichte in einer Zukunft, in der es quasi keine Natur mehr gibt.

Die Rahmenbedingungen deiner Geschichte sorgen dafür, dass dein Konflikt besonders stark zutage tritt. Außerdem eröffnen sie deiner Hauptfigur Möglichkeiten bzw. verwehren ihr welche. Mit beidem kannst du eine noch bessere Kurzgeschichte schreiben.

Wähle die passende Perspektive aus

Gerade viele neue Autorinnen und Autoren machen sich keine großen Gedanken um die Perspektive, sondern schreiben einfach in der ersten Person Singular, weil sie das aus E-Mails und anderen Nachrichten so gewohnt sind. Es fällt uns allen einfach viel leichter zu sagen: „Vom Fenster aus beobachtete ich, wie mein Nachbar zwei Säcke im Auto verlud“, als den gleichen Satz in der dritten Person zu schreiben.

Natürlich hat die erste Person einen großen Vorteil. Wenn diese Perspektive gut ausgearbeitet ist, hat der Leser sofort eine gute Beziehung zur erzählenden Figur.

Ist sie allerdings schlecht ausgearbeitet, verdirbt sie die gesamte Geschichte. Wenn die Hauptfigur sich stark von dir selbst unterscheidet, wird es dir schwer fallen, authentisch in ihrem Stil zu schreiben. Außerdem bleiben dir einige möglicherweise wichtige Situationen der Geschichte verborgen.

Um eine größere Bandbreite zu haben, solltest du ohnehin üben, in der dritten Person als neutraler beobachtender Erzähler zu schreiben. Dann kannst du auch Situationen beschreiben, in denen die Hauptfigur nicht zugegen ist, ohne irgendwelche seltsamen Konstruktionen („Michaela erzählte mir, wie sie…“) erfinden zu müssen.

Meine Empfehlung lautet also: Erzählung in der 3. Person aus Sicht eines neutralen Beobachters, alternativ 1. Person aus der Sicht der Hauptfigur. Natürlich kannst du auch eine Kurzgeschichte schreiben, die aus der Sicht einer Nebenfigur oder aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers berichtet wird, diese sind jedoch noch schwieriger und außerdem so ungewöhnlich, dass sie dein Publikum vielleicht verwirren oder vom Inhalt deiner Geschichte ablenken können.

Denke dir ein überraschendes Ende aus

Kurzgeschichten enden meist mitten in der Geschichte, und das mit einem möglichst überraschenden Ende. Da deine Leserinnen und Leser nur wenige Seiten Zeit haben, sich mit deinen Figuren zu identifizieren, ist es meist dieses Ende, das hängen bleibt.

Dein Ende soll die folgenden Eigenschaften erfüllen:

  • Das Ende soll dein Thema unterstreichen und eine Aussage zum Thema machen – möglichst indirekt.
  • Es soll den Konflikt auf dem Höhepunkt der Geschichte lösen oder offen lassen.
  • Es soll den Leser überraschen und ihn emotional berühren.

Eine Möglichkeit, ein überraschendes Ende zu schreiben, ist, es möglichst offen und der Fantasie der Leser zu lassen. Es gibt einige Filme, die dies ausgezeichnet umsetzen und die mitten in einer mehrdeutigen Situation stoppen. Für Filme ist dies sehr ungewöhnlich, Kurzgeschichten dagegen hören häufig genau so auf.

Erstelle deinen Plot

Mit diesen Informationen bist du nun in der Lage, deinen Plot zu erstellen. Dieser hilft dir dabei, deine Geschichte einfacher herunterzuschreiben, ohne zwischendurch immer wieder überlegen zu müssen, wie sie nun weitergehen soll. Den Plot kannst du so detailliert ausarbeiten, wie du möchtest. Die folgenden Punkte sollte er aber in jedem Fall umfassen. Wichtig ist, dass sie in Form einer Kausalkette miteinander verknüpft sind: Jedes Ereignis, das du beschreibst, muss das nachfolgende bedingen. Nur so ergibt sich eine schlüssige Handlung für deine Kurzgeschichte.

Ausgangssituation

Wenn du eine Kurzgeschichte schreiben willst, beginnst du schon in der Anfangssituation anders als im Roman. Während ein Roman immer vor dem eigentlichen Konflikt beginnt, fängt deine Kurzgeschichte „mittendrin“ an. Springe also am besten gleich in eine brenzlige Situation, sodass die Spannung für die Leser von Anfang an hoch ist. Du benötigst keine weitschweifige Einleitung. Wichtige Informationen kannst du nach und nach einstreuen oder nachreichen.

Steigende Spannung

Vom ersten Satz an ist es wichtig, dass du die Spannung hin zum Höhepunkt steigerst. Reihe also kausal miteinander verbundene Ereignisse aneinander, die den Konflikt für die Hauptfigur immer schlimmer werden lassen. Drei bis vier solcher Ereignisse reichen, da deine Kurzgeschichte ja wahrscheinlich nur einige Seiten umfassen wird. Umso wichtiger ist, dass diese Ereignisse die Spannung und das Konfliktpotenzial wirklich erhöhen. Gerne können sie auch Wendepunkte einleiten. Denke aber daran, dass du deinen Lesern einen roten Faden bieten möchtest und die Geschichte nicht willkürlich wirken darf.

Höhepunkt

Am Höhepunkt ist der Konflikt komplett sichtbar und an seiner schlimmsten Stelle. Wie sich dies äußert (und wie es dazu kommt), beschreibst du in diesem Punkt.

(Auflösung)

Wenn du möchtest, kannst du als Schluss eine (möglichst überraschende) Auflösung des Hauptkonflikts vorbereiten. Es ist aber genau so legitim und auch verbreitet, eine Kurzgeschichte direkt am Höhepunkt enden zu lassen.

Du suchst mehr Informationen zu diesem Thema? Die bekommst du in meinen Artikeln zum Plotten oder in meinem Arbeitsheft Plot.

Schreibe die Geschichte anhand der geplanten Punkte in einem Rutsch herunter

Im neunten Schritt kannst du nun mit dem eigentlichen Schreiben loslegen. Du hast deinen Plot ausgearbeitet, kennst deinen zentralen Konflikt und deine Hauptfigur und kannst sofort loslegen. Wenn du beim Schreiben deiner Kurzgeschichte noch die folgenden Tipps beachtest, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen:

  • Beginne mit einem ersten Satz, der deine Leser sofort in die Geschichte zieht. Beispiele für gute erste Sätze findest du hier.
  • Lasse beim zweiten Satz nicht nach. Auch dieser sollte möglichst überraschend sein.
  • Konzentriere dich auf das Wesentliche.
  • Schreibe im ersten Wurf lieber einfacher und eher so, wie du sprichst. Du kannst alles noch überarbeiten.

Beim Schreiben ist es sehr wichtig, dass du in einen Zustand des Flows kommst. Verschiebe das Überarbeiten also auf später und feile nicht gleich beim ersten Wurf zu viel an einzelnen Formulierungen.

Lies die Geschichte noch einmal und kürze alles Unnötige

Wenn du eine Kurzgeschichte schreiben möchtest, bedeutet dies natürlich auch, dass du sie am Ende überarbeiten musst.

Streiche dazu zunächst einmal alles Unnötige heraus. Eine Kurzgeschichte braucht keine tollen Landschaftsbeschreibungen, keine Nebenstränge, keine Charakterstudien – so lange sie nichts zur Aussage und zum zentralen Konflikt beitragen.

Lies deine Kurzgeschichte kritisch durch. Wo findest du Unnötiges? Streiche es direkt heraus. Auch, wenn dies deine besten Stellen sind, brauchst du sie nicht, wenn du „nur“ eine Kurzgeschichte schreiben willst. Du kannst sie ja an einer anderen Stelle sammeln, falls du aus dem Thema später einen Roman erarbeiten möchtest.

Wenn du diese neun Schritte beachtet hast, hast du deine Kurzgeschichte abgeschlossen und kannst sie entweder weiter überarbeiten, bei einem Wettbewerb einreichen oder veröffentlichen. Ich hoffe, dir haben diese Tipps geholfen!

Wie gehst du vor, wenn du eine Kurzgeschichte schreiben willst? Ich freue mich auf deine Antwort in den Kommentaren!

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