Noch bevor du dein erstes Wort aufs Papier bringst, musst du eine ganze Reihe an Entscheidungen treffen, die deinen Roman nachhaltig beeinflussen werden. Eine der wohl wichtigsten und gleichzeitig schwierigsten Entscheidungen betrifft die Auswahl zwischen verschiedenen Erzählperspektiven.

Auch, wenn einem das beim Lesen nicht immer gleich bewusst ist, macht es einen riesigen Unterschied für eine Geschichte, aus welcher Perspektive sie erzählt ist. Und auch beim Schreiben kannst du je nach Erzählperspektive an die Grenzen des Machbaren stoßen. Dessen musst du dir bewusst sein, bevor du 100 oder 200 Seiten aus einer Perspektive schreibst. Im schlimmsten Fall kannst du deinen gesamten Roman sonst nämlich noch einmal umbauen (was du natürlich sowieso tun wirst).

Welche Erzählperspektiven gibt es?

Zunächst einmal musst du dich natürlich entscheiden, ob du in der 1. oder in der 3. Person schreibst. Viele Autoren, vor allem Erst-Autoren, neigen dazu, in der 1. Person, also in der Ich-Perspektive zu schreiben. Der Grund dafür ist klar: Wir sprechen und erzählen viel häufiger in dieser Perspektive. Romanschreiben scheint damit so einfach, wie eine E-Mail zu verfassen.

Etwas mehr Gedanken solltest du dir als angehender Schriftsteller schon über die verschiedenen Erzählperspektiven machen. Denn du schreibst eben keine E-Mail. Und in der 1. Person zu schreiben bedeutet nicht, einfach aus der eigenen Perspektive zu erzählen, es sei denn, du schreibst eine Autobiographie.

Neben der 1. und 3. Person kann man Erzählperspektiven außerdem danach unterscheiden, wie nah der Erzähler an der Geschichte ist. Ist er Teil des Geschehens oder schaut er von außen zu? Schauen wir durch die Augen einer bestimmten Person oder nimmt der Erzähler eine allwissende Position über dem gesamten Geschehen ein?

Die Wahl der Erzählperspektive hat großen Einfluss darauf, wie deine Geschichte vom Leser wahrgenommen wird. Daher solltest du sie mit Bedacht treffen. Um das einfacher zu machen, habe ich einen Leitfaden mit ein paar Fragen erstellt, mit denen du genau feststellen kannst, welche Perspektive für deine Geschichte die richtige ist.

Um die verschiedenen Erzählperspektiven besser zu illustrieren, gebe ich jeweils ein Beispiel, indem ich eine Situation aus der entsprechenden Perspektive schildere. Die Beispielsituation ist die Begegnung von Lisa und Marcus in der U-Bahn.

Mit diesem Leitfaden kannst du dich zwischen den verschiedenen Erzählperspektiven entscheiden

1. Frage: Durch wessen Augen sollen deine Leser die Geschichte erleben?

In unserer Beispielsituation gibt es auf diese Frage vier mögliche Antworten: Durch Lisas Augen, durch Marcus‘, durch die einer dritten Person, die das Geschehen miterlebt oder durch die Augen eines allwissenden Erzählers, der selbst nichts mit der Situation hat, dafür aber über alle relevanten Informationen Bescheid weiß.

Entscheidest du dich für Lisa, Marcus oder die unbeteiligte Person, dann wechsele zu Frage 2, wenn nicht, zu Frage 4.

2. Frage: Ist der Erzähler Teil der Geschichte oder nicht?

Wenn du dich entscheidest, dass der Erzähler Teil der Geschichte ist, dann wird Lisa oder Marcus der Erzähler sein. Wenn nicht, kann es eine unbeteiligte dritte Person sein. Die darf aber nicht in das Geschehen eingreifen.

In jedem Fall geht’s jetzt mit Frage 3 weiter.

3. Frage: Erfahren wir etwas über die Innenwelt des Erzählers?

Du hast dich bereits entschieden, wie nah der Erzähler an der Geschichte ist. Nun musst du dich fragen, ob du etwas über die Innenwelt des Erzählers preisgeben willst, ob du den Leser also an seinen Gedanken teilhaben lassen willst oder nicht. Bejahst du diese Frage, so spricht man von einem personalen Erzähler.

Anschließend kannst du dir nun die alles entscheidende vierte Frage stellen.

4. Frage: Ich oder er?

Hast du dich in der dritten Frage dazu entschieden, keine persönlichen Gedanken des Erzählers einfließen zu lassen, so wirst du in der 3. Person schreiben müssen. Andersherum gilt dies allerdings nicht: Auch in der 3. Person kannst du Gedanken des Erzählers oder der Figur, aus deren Augen du berichtest, einfließen lassen.

Kompliziert? An Hand des Beispiels wird es jetzt einfacher.

Allwissender (auktorialer) Erzähler, Ich-Perspektive

Diese Erzählperspektive ist dadurch gekennzeichnet, dass dein Erzähler alles weiß, nicht Teil der Geschichte ist, aber dennoch in der Ich-Perspektive schreibt. Dies kennt man vor allem aus Märchen, weswegen mein kleines Beispiel sich auch ein wenig nach Tausendundeiner Nacht anhört.

Ich will dir, lieber Leser, zeigen, wie unwahrscheinlich es ist, dass sich die Pfade zweier Menschen kreuzen und etwas ganz Besonderes entsteht. Weder Lisa noch Marcus wissen, wie viele Zufälle nötig waren, damit sie sich an jenem Morgen in der U-Bahn begegneten. Dir, lieber Leser, will ich aber nicht vorenthalten, was alles passieren musste, damit die beiden sich kennenlernen konnten.

Allwissender (auktorialer) Erzähler, Er-Perspektive

Ein allwissender Erzähler muss nicht persönlich in Erscheinung treten. Häufig gibt er einen Überblick über die Situation, wie die einzelnen Personen ihn nicht haben können, schildert die Geschehnisse aber dennoch in der 3. Person und ohne, dass er seine Gedanken und Meinungen dazu preisgibt.

Marcus und Lisa lebten beide bereits seit Jahren in derselben Stadt, und ihre Wege hatten sich tatsächlich schon mehrfach gekreuzt, ohne dass sie es wussten. An jenem Morgen in der U-Bahn wären sie auch fast wieder auseinandergegangen, ohne sich kennenzulernen.

3. Person, personal

Entscheidest du dich gegen einen allwissenden Erzähler, so wirst du, wenn du in der 3. Person schreibst, immer näher an der einen oder anderen Hauptfigur „dran“ sein. Ich wähle hier Lisa aus. Dass der Erzähler personal ist, bedeutet, dass er Einblicke in Lisas Innenwelt gewährt.

Lisa war schon genervt, als sie die Bahn bestieg. Es war mal wieder viel zu voll, und um sie herum standen lauter Leute, die nur noch auf ihr Smartphone glotzten. Wieder einmal fiel Lisa auf, wie weit die meisten Menschen von der sie umgebenden Realität abgerückt warn. Die Welt könnte untergehen und alle würden es live auf den kleinen Bildschirmen in ihren Händen verfolgen – aber nichts dagegen unternehmen.

3. Person, nicht personal

Auch der nicht-personale Erzähler in der 3. Person schaut durch die Augen einer Hauptfigur. Er gibt jedoch nichts von ihrem Innenleben preis und beschreibt rein, was man beobachten kann. Zum Vergleich auch hier wieder aus Lisas Perspektive.

Lisa war einige der wenigen in der U-Bahn, die kein Handy in der Hand hielt. Ihr Blick fiel auf die sie umgebenden Leute, während sie sich umso fester an der Halteschlaufe festhielt.

Ich-Erzähler, Hauptfigur

Der Ich-Erzähler als Hauptfigur ist eine der häufigsten Erzählperspektiven, aus den oben bereits genannten Gründen. Es scheint relativ einfach, in der 1. Person eine Geschichte zu schildern. Allerdings musst du dir klarmachen, dass dies bedeutet, dass du mit der Stimme einer anderen Person, nämlich deiner Hauptfigur sprichst, und nicht mit deiner eigenen. Ich erzähle das Beispiel nun aus der Sicht von Marcus in der 1. Person.

Ich war mal wieder spät, schaute die ganze Zeit aufs Handy, weil die Mails nur so hereinstürzten. Gerade heute hatte sich Steinberg angekündigt, und ich war gestresst wie immer. Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, wie wichtig diese Begegnung noch werden würde, und so blickte ich kaum auf, als die Bahn hart bremste und mich jemand – versehentlich – anrempelte.

Ich-Erzähler, Nebenfigur

Man kann auch eine Nebenfigur als Ich-Erzähler auftreten lassen. Diese wird jedoch relativ wenig über das Geschehen wissen, da sie vieles nur vom Hörensagen weiß. Als Autor musst du in dieser Konstellation immer genau belegen können woher deine Figur ihr Wissen bezieht. Diese Erzählperspektive kann, wenn sie richtig eingesetzt ist, einen besonders nahbaren Effekt haben, weil der Leser das Gefühl hat, ein Freund erzählt ihm eine Geschichte über andere Menschen. Diese Erzählsituation kennt jeder von uns aus dem Alltag, so dass man sich sofort „heimisch“ in ihr fühlt.

In meinem Beispiel erzählt die Tochter von Marcus und Lisa vom Kennenlernen ihrer Eltern.

Meine Eltern lernten sich in der U-Bahn kennen. Ich weiß, das klingt nach Klischee, aber sie haben es mir beide unabhängig voneinander so erzählt, später, als sie schon nicht mehr miteinander sprachen.

Hoffentlich hilft dir meine kleine Übersicht zu den verschiedenen Erzählperspektiven.

Welche Erzählperspektiven hast du bereits verwendet? Wie triffst du deine Auswahl?

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