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Wenn du einen Roman oder eine Kurzgeschichte schreibst, willst du deine Leser*innen natürlich so schnell wie möglich in die wichtigen und spannen Szenen hineinziehen. Dies führt immer wieder dazu, dass du Informationen nachreichen musst, die zeitlich vorher stattgefunden haben. Aber kein Problem, schließlich kannst du Rückblenden schreiben! Doch wie schreibst du eine Rückblende, die den Lesefluss nicht stört? Das – und noch einiges mehr – erfährst du in diesem Artikel.

Was ist überhaupt eine Rückblende?

Die typische Erzählstruktur von Geschichten ist linear, das heißt, je weiter du liest, desto mehr Zeit ist in der Geschichte vergangen. Jeder Punkt, der weiter vorne in der Geschichte steht, ist auch zeitlich früher angesiedelt. Das macht es Leserinnen und Lesern leicht, der Story zu folgen und sich zurechtzufinden – schließlich müssen sie ja schon Figuren, Orte und Handlungsinhalte verfolgen.

Doch immer wieder kommt es vor, dass lineare Erzählungen durch Einschübe unterbrochen werden, in denen die Figuren sich an frühere Zeiten erinnern – und so für die Geschichte relevante Informationen nachliefern. Solche Einschübe nennt man Rückblenden. Sie können ein ganzes Kapitel umfassen oder auch nur einen Absatz. Manchmal reichen sogar wenige Worte für eine Rückblende – zum Beispiel „Mario sah immer noch aus wie vor zehn Jahren, als sie ihren letzten gemeinsamen Sommer zu viert in Schweden verbracht hatten“.

Wann sind Rückblenden sinnvoll?

Wie bereits weiter oben erwähnt, können Rückblenden dir dabei helfen, Informationen nachzuliefern, mit denen du deine Geschichte nicht beginnen möchtest.

Stell dir vor, du schreibst eine Geschichte über eine junge Frau, die als Hebamme in einem Haus voller Frauen arbeitet. Sie lebt schon ihr ganzes Leben dort und hat selbst bereits sieben Kinder geboren. Sie weiß aber, dass sie das Haus bald verlassen wird, um ein besseres und gänzlich anderes Leben zu beginnen – denn ihr Dienst ist dann getan. Warum das so ist und worauf sie hofft, weißt du selbst natürlich, aber du  möchtest es nicht gleich zu Beginn verraten, weil das sehr langweilig wäre. An irgendeinem Punkt musst du aber vergangene Ereignisse einfließen lassen, um Hintergründe zu erklären. Und das geht mit einer Rückblende. (Die geschilderte Situation ist übrigens der Anfang meines aktuellen Roman-Projekts.)

Manchmal möchtest du auch nur schreiben, woher sich zwei Figuren kennen und warum sie in einer bestimmten Weise zueinander stehen. Auch hier können Rückblenden hilfreich sein.

Allerdings habe ich selbst es auch schon mehr als einmal erlebt, dass Rückblenden als Effekt zur Spannungssteigerung eingesetzt werden. Im Roman Ein wenig Leben erzählt ungefähr jedes zweite Kapitel eine Rückblende. Sowohl der Erzählstrang in der Gegenwart als auch der in der Vergangenheit enden jeweils mit einem Cliffhanger, damit man natürlich auch unbedingt weiterlesen möchte. Die ersten beiden Male hat das bei mir noch funktioniert, danach fand ich es nur noch nervig. Denn wenn eine Geschichte solche Kunstgriffe braucht, um spannend zu werden, ist sie in Wahrheit nicht spannend. Und jede einzelne Rückblende reißt einen aus der eigentlichen Geschichte – was du deinen Lesern nicht unnötig zumuten solltest.

Rückblenden sind also kein Allheilmittel und auch nichts, was du unbedingt in eine Geschichte einbauen musst, wenn du auch ohne auskommst. Wenn du aber Rückblenden schreiben willst, solltest du die folgenden Tipps beachten.

Rückblenden schreiben: Darauf musst du achten

Tipp 1: Verankere deine Rückblende in der Geschichte.

Am besten fängst du nicht aus heiterem Himmel an, deine Rückblende zu erzählen, sondern lieferst einen Grund, warum du dies genau an dieser Stelle tust. Der Grund sollte immer bei deinen Figuren und in deiner Geschichte liegen.

Beispiel: Deine Hauptfigur Maria spricht mit ihrem Ex-Mann, der gerade ihre gemeinsame Tochter aus dem Wochenende zurückgebracht hat. Die beiden haben sehr lange versucht, ein Kind zu bekommen, aber kurz nach der Geburt haben sie sich getrennt. Du könntest schreiben:

Es klingelte. Stefan brachte Lena zurück vom gemeinsamen Wochenende zurück. Lena war ein Wunschkind und dennoch der Auslöser für ihre Trennung. Sie hatten lange vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen, und als Lena dann da war, gab es nichts mehr, was sie zusammenhielt.

Das erfüllt den Zweck. Flüssiger wirkt es jedoch, wenn du die Rückblende verankerst, zum Beispiel an einem Gegenstand:

Maria öffnete die Tür. Lena drückte sich direkt in die Wohnung und lief schon laut singend in ihr Kinderzimmer, während Stefan zögernd den Flur betrat. Wie jedes Mal fiel sein Blick auf das Bild, das sie zu dritt kurz nach Lenas Geburt zeigte – überglücklich, weil sie nach acht oft verzweifelten Jahren endlich ihr Wunschkind in den Arm schließen konnten. Was das Foto nicht zeigte, war das, was danach kam: die Leere, die Streitereien, die Ängste und das Unvermögen, die kleine, so sehnsüchtig herbeigewünschte Familie zusammenzuhalten. Maria verstand, dass dieses Foto ihn schmerzte. Aber sie würde es seinetwegen nicht abhängen.

Die Erinnerung hat hier einen konkreten Auslöser – das Bild – und die Information wirkt viel natürlicher an dieser Stelle. Wenn du Rückblenden schreibst, halte immer Ausschau nach Situationen und Gegenständen, die diese Erinnerung bei deinen Figuren auslösen können.

Tipp 2: Mache das Ende der Rückblende deutlich.

Gerade bei längeren Rückblenden werden deine Leserinnen und Leser gerne dem neuen Erzählstrang folgen. Die Rückblende wirkt dann weniger eingeschoben, sondern wie ein eigenständiger Strang. Das ist gut, weil man beim Lesen dann nicht die ganze Zeit darauf wartet, dass es endlich mit der Haupterzählung weitergeht. Gleichzeitig bedeutet es aber, dass die Rückkehr aus der Rückblende wieder einen Bruch in der Erzählung darstellt. Entsprechend musst du Orientierungshilfen anbieten, die ganz deutlich machen, dass die Rückblende nun vorbei ist.

Wenn du beispielsweise eine Szene aus der Kindheit deiner Protagonistin erzählst, muss ab dem ersten Wort nach der Rückblende klar sein, dass du nun wieder in der Gegenwart der Geschichte angekommen bist. Dir mag das selbstverständlich erscheinen, aber deine Leser sind nie so intensiv in der Geschichte wie du selbst. Insofern werde ruhig deutlich. Du kannst beispielsweise einleiten mit

„Heute dagegen …“
„Wenn sie jetzt daran zurückdachte, …“
„Sie löste sich aus ihren Erinnerungen und konzentrierte sich wieder auf die Aufgabe, die vor ihr lag.“

Wenn die Rückblende nur wenige Absätze lang ist, kannst du sie auch durch einen Rückgriff auf den Auslöser (siehe Tipp 1) wieder beenden, zum Beispiel:

„Stefan löste den Blick vom Foto und trat ein.“

Dies funktioniert jedoch nur, wenn deine Leser und Leserinnen sich noch an den Auslöser erinnern. Hast du eine Rückblende geschrieben, die ein ganzes Kapitel lang ist und einen eigenen Sog entwickelt hat, ist das wahrscheinlich nicht mehr der Fall und der Rückgriff auf den Auslöser kann sogar verwirrend wirken.

Tipp 3: Nutze die Rückblende für den Fortgang deiner Geschichte.

Vielleicht brennt es dir unter den Nägeln, endlich die dramatische Geschichte zu erzählen, wie dein Protagonist mit 17 Jahren ein Motorrad geklaut und nur knapp einen Unfall überlebt hat – schließlich zeigt dies eine gänzlich andere Seite von ihm. Ich kann dir jedoch versichern, dass deine Leserinnen und Leser so gut wie immer mehr daran interessiert sind, wie deine Hauptgeschichte weitergeht, als daran, was alles vorher passiert ist. Daher muss die Rückblende einen erkennbaren Nutzen für den Fortgang der Geschichte im Hauptstrang haben, damit deine Leserinnen und Leser sich überhaupt auf sie einlassen und sich nach der Rückblende nicht fragen, was das überhaupt sollte.

Gerade bei Rückblenden musst du daran denken, dass du nicht für dich, sondern für ein Publikum schreibst. Manche Autorinnen und Autoren wenden sich nämlich gerade dann gerne den Ereignissen der Vergangenheit zu, wenn sie in der eigentlichen Story festhängen und nicht so recht wissen, wie es weitergehen soll. Das sind natürlich denkbar schlechte Voraussetzungen.

Besser ist es, wenn du deine Rückblende an einer Stelle beginnen lässt, an der sie etwas zum Fortgang der eigentlichen Handlung beiträgt. Die Motorrad-Klau-Geschichte könntest du zum Beispiel einbauen, um zu zeigen, wie dein Protagonist voller Nostalgie noch einmal aus seinem mittlerweile recht langweiligen Leben ausbrechen will – und deswegen wieder eine große Dummheit begeht.

Tipp 4: Nutze die richtigen Zeitformen.

In der Schule haben wir gelernt, dass wir für Dinge, die in der Vor-Vergangenheit stattfinden, das Plusquamperfekt nutzen soll. Beispiel: Nachdem ich aufgewacht war, dachte ich schon wieder über Sofia nach. Sehr wahrscheinlich schreibst du deinen Roman oder deine Kurzgeschichte im Präteritum / Imperfekt – er ging, sie lachte, wir trafen uns… Eine Rückblende findet davor statt – also Plusquamperfekt, oder?

Grammatikalisch wäre das korrekt. Aber ganz ehrlich: Es hört sich furchtbar an. Wenn du mehr als einen Satz im Plusquamperfekt schreibst, wird dein Text holperig. Beim Lesen stolpert man wieder und wieder über diese grammatikalische Konstruktion, wie im folgenden Beispiel:

Luisa dachte daran, wie sie vor fünfzehn Jahren zum ersten Mal von Melanie gehört hatte. Sie waren beide noch zur Universität gegangen, hatten dasselbe studiert, hatten aber unterschiedliche Kurse besucht und waren mit anderen Menschen befreundet gewesen. 

Das hört sich nicht flüssig an. Und noch schlimmer: Mit jeder Verwendung des Plusquamperfekts stößt du deine Leserinnen und Leser mit der Nase darauf, dass dies nicht jetzt passiert, dass du diesen Part als Einschub erzählst und sie damit davon abhältst, den Fortgang der eigentlichen Geschichte weiter zu verfolgen.

Besser ist es daher, wenn du das Plusquamperfekt nur zum Einstieg als Signal für die Vor-Vergangenheit verwendest und dann ins Präteritum wechselst. Das ist zwar ein kleiner Bruch, der sich aber sehr flüssig gestalten lässt. Besonders einfach wird es, wenn du zur Einleitung des Präteritums eine Zeitangabe (die nicht genau sein muss) verwendest. Das obige Beispiel könnte dann so aussehen:

Luisa dachte daran, wie sie vor fünfzehn Jahren zum ersten Mal von Melanie gehört hatte. Damals gingen sie beide noch zur Universität, studierten dasselbe, besuchten aber unterschiedliche Kurse und waren mit anderen Menschen befreundet.

Du siehst, das klingt viel flüssiger und man stolpert nicht beim Lesen über jedes einzelne Verb.

Tipp 5: Weniger ist mehr.

Rückblenden zu schreiben, kann Spaß machen. Wenn Figuren sehr komplex sind, kann es auch für Leserinnen und Leser bereichernd sein, eine spannende Vorgeschichte zu erfahren. Aus diesem Grund gibt es zu vielen Reihen und Serien Prequels, in denen man mehr über die Charaktere erfährt.

In einer für sich stehenden Geschichte sind Rückblenden jedoch immer eine Unterbrechung des Geschehens. Sie halten davon ab, was man beim Lesen eigentlich will: wissen, wie es weitergeht. Daher solltest du Rückblenden nur spärlich einsenden. Oder anders: Niemandem wird es negativ auffallen, wenn dein Roman gar keine Rückblenden hat. Wenn du aber nach jeder zweiten Szene ein paar Erinnerungen hineinzimmerst, wird deine Erzählung zu einem Versatzstück. Das kann gelingen, tut es aber nicht immer.

Wenn du die Vorgeschichte deiner Figuren für interessanter hältst als deine eigentliche Geschichte, kannst du auch überlegen, ob du wirklich am richtigen Projekt arbeitest. Vielleicht kannst du den Fokus noch einmal etwas verschieben und so mit weniger Rückblenden auskommen.

Alternativen zu Rückblenden

Rückblenden setzt man meist ein, um Informationen nachzuliefern und Eigenschaften von Figuren zu erklären. Wenn es wirklich keinen anderen Weg gibt und du meine fünf Tipps dazu beachtest – dann leg los! Oft hast du jedoch auch die Möglichkeit, Informationen auf anderem Wege mitzugeben. Die einfachste ist, sie einfach einzustreuen, ohne dass du eine komplette Rückblende dazu schreibst.

Nehmen wir das Beispiel mit Stefan und Maria. Du kannst eine kurze oder lange Rückblende über ihre vergeblichen Versuche, ein Kind zu bekommen, schreiben. Aber das ist ja gar nicht das Thema der Geschichte, also musst du hierauf auch keinen Fokus legen. Stattdessen könntest du auch schreiben:

Stefan brachte Lena zurück vom gemeinsamen Wochenende zurück – ihr gemeinsames Wunschkind, auf das sie so lange gewartet hatten, das alles aber nur noch schwieriger gemacht hatte.

In diesem Fall fasst du nur ganz kurz die Information zusammen, die man braucht, um die Beziehung zwischen Maria und Stefan zu verstehen. Dies ist häufig der eleganteste Weg.

Alternativ dazu kannst du Erinnerungen auch in Dialogen einfließen lassen. Dies machen vor allem Drehbuchautorinnen so, wenn sie keine Rückblende zeigen wollen. Wenn du gut darin bist, Dialoge zu schreiben, ist auch dies eine gute Möglichkeit. Wichtig ist aber, dass du darauf achtest, dass die Dialoge sich natürlich anhören. Die Informationen müssen also nebenher einfließen und nicht einfach heruntergerasselt werden.

Wenn Stefan sagt: „Tja, acht Jahre haben wir alles versucht, und als sie dann da war, ging nichts mehr“, weiß man sofort, dass er das nicht zu Maria, sondern zu den Lesern sagt. Stattdessen könnte er fragen: „Wenn du gewusst hättest, wie es ausgeht, würdest du die ganze Reise noch einmal auf dich nehmen? Die Arztbesuche? Das Warten? Das Verzweifeln?“ und Maria könnte antworten: „Ja. Die ganzen acht Jahre. Jeden einzelnen Tag.“ Das wirkt natürlicher – und du hast eine Rückblende vermieden.

Zusammenfassung

Waren diese Tipps hilfreich für dich? Wie entwickelst du deine Figuren? Fehlen dir Fragen in meinen FAQ?